Politik der Geistigen Freiheit II - Politisches Pamphletvon Wolfgang Behr Teil 2:
44. Da perfektes Leben ein sinnloser, ein lebloser Gedanke ist, werden wir uns auf das naheliegendste Ziel konzentrieren und mit Hilfe des modernen, sich weiter vermehrenden Wissens die Standards menschlichen Lebens so einrichten und einzustellen, daß im Prinzip alle Menschen aus eigener Kraft und in eigener Regie ihr Leben so zufriedenstellend wie möglich führen können. Dieses Ziel ist nie einhundertprozentig zu verwirklichen, aber das ist nicht entscheidend. Entscheidend ist der Maßstab, der diesem Ziel zugrunde liegt. Die Politk der Geistigen Freiheit ist die Revitalisierung von Aufklärung und Fortschritt für eine strikt individualisierte oder personalisierte Welt. Wie weit auch jeder kommen mag mit diesem Programm, er soll jedenfalls nicht mehr gestört werden durch die unwägbaren irrationalen Eigendynamiken der konstitutiv zur "Doofheit" neigenden Kollektive. Individuen können intelligent im Sinne umfassender Vernunft sein, was einen komplexen, persönlichen Reifeprozeß voraussetzt, vollendet in einer Initiation zur lebendigen, geistigen Freiheit. Kollektive können diesen Stand niemals erreichen! Letztenendes sind sie überflüssige Überlebensmaschinen, Monster aus längst vergangenen Menschheitszeitaltern. Nur als Dienstleistungsveranstaltungen für die beteiligten Individuen haben sie Existenzberechtigung, ja können nach wie vor eminent wichtig sein. 45. Die Politik der Geistigen Freiheit beruht wesentlich auf der Fortentwicklung der arbeitsteiligen Gesellschaft und des modernen Wirtschaftslebens. Denn beide beruhen in hohem Maße auf der Eigeninitiative der Menschen. 47. Eigentlich definierte sich ja schon die bürgerliche Wohlfahrtsgesellschaft im Bezug auf die essentiellen, lebensnotwendigen Güter nicht mehr als eine Knappheitsgesellschaft, indem sie den Ärmsten die Sozialhife zur Verfügung stellte. Es zeigt sich jedoch, daß der endgültige Schritt aus der Welt des gnadenlosen Überlebenskampfes nicht mit oder in kollektiven bürokratischen Strukturen zu verwirklichen ist. Denn erstens wird es immer knappe Güter geben, wo sollte man da als (Um-)Verteiler die Grenze ziehen? Zweitens kann die Bürokratie mit ihren allgemeinen Regeln dem Individuum nie völlig gerecht werden. Und drittens ist die bürokratische Lösung an den territorialen Nationalstaat gebunden und als solche nicht globalisierbar. Daher benötigen wir noch eine weitere Revolution, in diesem Fall allerdings eine evolutiv gestreckte, "minimal invasive" geistige Revolution. Sie zielt nicht auf die Versorgung der Menschen von außen oder oben, sondern auf die Verwirklichung der Politik der Geistigen Freiheit. Dadurch sollen sich die Menschen von der bürokratischen Zivilisation emanzipieren und mit Hilfe unseres nur scheinbar noch zukünftigen Zivilisationstandes eine individuell erwerbbare, für jeden erschwingliche und auf einfache Weise zugängliche materielle (und kulturelle) Lebensbasis in Form lokaler Subsistenz zu schaffen. Diese Subsistenzform wird nicht alle Bedürfnisse und Notwendigkeiten befriedigen können, aber sie wird die Möglichkeit relativer Unabhängigkeit der einzelnen Menschen verallgemeinern und auf eine weltweite neue, auf den einzelnen Menschen bezogene politische Basis stellen. 48. Für eine Freiheitskultur ist es nicht notwendig, daß die Menschen von der Geldwirtschaft als der jetzt gegebenen Regulierung des Zugangs zu knappen Gütern vollkommen unabhängig werden. Im Gegenteil, das Medium Geld ist vor allem eines der effektivsten Mittel unseres zivilisatorischen Fortschritts und ein wesentlicher Motor der Individualisierung. Es wird in einer sich weiter differenzierenden Welt immer seine überragende Bedeutung behalten. Freiheitsrelevant ist der geistige Paradigmenwechsel vom Kollektiv zum Individuum, der nicht mehr und nicht weniger besagt, als daß die materielle Existenz des Individuums, weil sie der geistigen Freiheit nachgeordnet ist, so autark wie möglich sein soll und deshalb weder einem wie auch immer gearteten Konkurrenzkampf zwischen den Menschen, noch einem großen alles notwendig verbindenden System unterliegen soll. Der Konkurrenzkampf kann und soll als Ansporn zu Leistung weiterhin eine kulturelle Gegebenheit bleiben, aber er darf keine die natürliche Basis des Menschen betreffende Angelegenheit mehr sein. Diese natürliche Basis soll daher soweit wie möglich von der Geldwirtschaft unabhängig gemacht werden. Allerdings verlangt die aus dieser Bemühung resultierende Subsistenz von den Menschen auch oder gerade im Rahmen immer moderner werdender Lebensbewältigungen durchaus Arbeit, Sorge und ein umfassendes Bewußtsein für ihre Lebensressourcen ab. Die Politik der Geistigen Freiheit geht auf eine erworbene und keine geschenkte Freiheit hinaus. 49. Uns ist bewußt, daß wir hier versäumen, genaueres darüber sagen, wie z.B. in Brasilien das Land verteilt werden soll. Schließlich kann es keine Subsistenz geben ohne einen akzeptablen Flecken Erde - da hilft alle High-Tech nicht weiter. Dieses Versäumnis liegt daran, daß wir glauben, aus der neuzeitlichen Revolutionsgeschichte den Schluß ziehen zu können, wonach eine Veränderung der Lebensverhältnisse am besten aus einer substantiellen Veränderung der geistig-politischen Auffassungen und Selbsteinschätzung der einzelnen Menschen hervorgehen kann. Nichtsdestotrotz mag es auf der Erde (z.B. in Brasilien) noch Verhältnisse (z.B. Landbesitzverhältnisse) geben, die sich anscheinend nur klassisch revolutionär und d.h. mit Gewalt lösen lassen. 50. Der Paradigmenwechsel vom Kollektiv zum Individuum befürwortet eine generelle Entflechtung der Menschen und ihres jeweiligen Lebens, die sie aus jeglicher undifferenzierten, äußerlichen Gruppenabhängigkeit herausführt und den verbleibenden materiellen Verknüpfungen über das rein sachlich gegebene hinaus keine Bedeutung mehr zuschreiben. Die Bewältigung materieller Lebensnotwendigkeiten, soweit sie nicht für den einzelnen Menschen aus eigenen Mitteln vor Ort möglich ist, soll von verschiedenen, strikt auf die jeweilige Aufgabe begrenzten Institutionen zur Verfügung gestellt werden - im Rahmen der arbeitsteiligen Gesellschaft. D.h., die moderne Institution ist das Mittel, das die Menschen von ihrer Zivilisation emanzipiert, selbstverständlich bei voller Aufrechterhaltung der Möglichkeiten dieser Zivilisation. Die Entflechtung ist Teil der kulturellen, mentalen Prozedur des Paradigmenwechsels. Beide, die Entflechtung und der Paradigmenwechsel mögen eine große Veränderung gegenüber der traditionell bekannten Welt darstellen. Sie beinträchtigen aber nicht individuelle, gefühlsmäßige Bindungen zwischen einzelnen Menschen oder von Individuen zu Gruppen, Völkern, Nationen oder Religionen etc., denen sich einzelne Menschen zugehörig fühlen. Im Gegenteil, insofern diese Bindungen ideelle Momente des Lebens sind, werden sie durch die Entflechtung und den Paradigmenwechsel von dem einseitigen Materialismus der modernen Kultur befreit. 51. Was durch die Entflechtung der Menschen vor allen Dingen ausgeschlossen werden soll, ist jeglicher Anlaß für einen Kampf zwischen Kollektiven auf Leben und Tod, also für den Krieg. Die Mittel, die unsere wissenschaftlich-technische Zivilisation hervorgebracht hat und noch weiter hervorbringen wird, sind zu potent, um sie in Waffenform zur Anwendung zu bringen. Daher soll sich die Intensität, mit der die Menschheit Waffenforschung und -produktion betrieben hat, auf das zivile Dasein konzentriert, um Schritt für Schritt die postulierte individuell erwerbare, handhabbare, lokale Subsistenzform zu schaffen, die genügendes Niveau, Erschwinglichkeit, Attraktivität sowie Nachhaltigkeit und Ökoeffizienz miteinander verbindet, um praktisch überall auf der Erde eine lebenswert materielle Existenz zu ermöglichen - soweit das die jeweiligen Naturbedingungen und die schon beeinflußten Ökosysteme zulassen. 52. Ich beschreibe und postuliere den Paradigmenwechsel vom Kollektiv zum Individuum notwendigerweise als Mensch, d.h. als ein Lebewesen, das sprachbegabt ist. Allerdings soll mein bzw. das Menschsein überhaupt in einem entscheidenden Sinne umfassender sein, als sich bis heute Menschen auf der Erde üblicherweise als Menschen und damit als individuelle Ausprägungen einer gemeinsamen (weil miteinander fortpflanzungsfähigen) Art verstehen. Denn das Projekt zur Durchsetzung des hier angeführten Paradigmenwechsels soll dezidiert zu einem politischen Menschsein führen. Dies ist eine Zuschreibung, die es tatsächlich, streng genommen, solange Kollektive (oder Systeme) die eigentlichen Protagonisten der Politik sind, noch nicht gibt (auch nicht als der bekannte "homme de politique", der Politik ja nur als seine Profession oder als seine Rolle in der Gesellschaft innehat und nicht als sein unmittelbares, kulturell-menschliches Existieren). 53. Jedes einzelne Individuum ist viel schwächer als eines der bekannten Kollektive oder Systeme, bzw. als deren Vertreter und Protagonisten. Insofern stellt das Gelingen einer Revolution des Individuums gegen traditionelle gesellschaftliche Mächte sowie die Übernahme dieser Macht den expliziten historischen Wechsel weg vom Primat der unmittelbaren Gewalt (Recht des Stärkeren) als ultima ratio des menschlichen Zusammenlebens hin zum Primat des Immateriellen dar. Denn kollektive Macht beruht immer auch auf unmittelbarer Gewalt, während eine Macht des Individuums, die diese kollektive Macht ersetzen soll und die ja jedem Individuum, als auch den Schwächsten zukommen muß, den definitiven Verzicht auf kollektive Gewalt bedeutet. Für die Gewalt der Individuen untereinander ist das Gewaltmonopol und die Vollstreckungsinstitutionen der staatlichen und internationalen Polizeien und Gerichtsbarkeiten zuständig, die immer auch bestimmten Traditionen unterstehen und niemals - das sei nur der Vollständigkeit halber erwähnt - absolute Gerechtigkeit erreichen können. 54. Die Freiheit des Geistes befindet sich jenseits aller Dogmatik, die das zentrale Mittel der Konstitution und Aufrechterhaltung bestehender Machtkollektive ist. Die Dogmatik hat nichts mit den rationalen, in ihrem Geltungsradius begrenzten Regelwerk einer modernen Institutione zu tun, sondern stellt konkrete Ansprüche an den einzelnen Menschen bezüglich der Art und Weise, wie er sein Leben zu gestalten hat. Sie kann, insofern sie eine Beschränkung der freien geistigen Selbstbestimmung ist, allein durch nicht-geistige, d.h. unmittelbare Machtmittel durchgesetzt oder garantiert werden. Da das Gewähren von natürlichen Lebensressourcen ebenfalls eines der zentralen traditionellen, nicht-geistigen Machtmittel ist, wird klar, welch entscheidende politische Bedeutung die fortschreitende zivilisatorische Etablierung der größtmöglichen materiellen Unabhängigkeit, d.h. der Subsistenz mit modernsten Mitteln, für die politische Stellung des Individuums hat. Aber es gilt, daß die Entmachtung der unmittelbaren Gewalt zuerst ein geistiger Prozeß ist, der nicht zuletzt den Glauben an die kollektive Macht bei den Menschen erschüttern muß, und erst dann die materiellen Lebensumstände betreffen und verändern kann. Deshalb ist es kein substantielles Problem für den apostrophierten Paradigmenwechsel, daß viele, die sich für den Schritt zur Existenz als politische Menschen jenseits der politischen Kollektivität entscheiden, zuerst noch der materiellen Selbständigkeit und Subsistenz vorgreifen müssen, weil die Gegebenheiten dafür noch nicht verfügbar sind. 55. Es geht bei einem Projekt zur Etablierung der Politik der Geistigen Freiheit nicht um das Abschaffen des Privateigentums an Produktionsmitteln, schon gar nicht um das Abschaffen von Gesetzen. Es geht um deren Entmachtung als Mittel der Kollektive und Systeme sowie um ihre differenzierende Einbindung in eine Welt der Individuen. Das entscheidende Mittel dafür ist die moderne Institution, die unter Aufsicht rational begrenzte Aufgaben wahrnimmt und dafür von den Individuen die Mittel und aus deren Reihen das Personal - dabei Individuen bleibend - bekommt. Es geht um das Einsetzen des einzelnen Menschen als zentrale politische Machtinstanz der zukünftigen Welt, dem die verbleibenden Formen kollektiven Lebens untergeordnet und nützlich gemacht werden, der dadurch aber auch mehr Verantwortung für die Regeln individueller Koexistenz trägt. 56. Scheinbar ist es eine übermenschliche Anstrengung oder eine quasi göttliche gesellschaftliche Rolle, die nötig ist, um einen Umschwung, einen Änderung der geschichtlichen Dimension dieses kulturell-politischen Paradigmenwechsels von der Kollektivität zur Individualität herbeizuführen. Und wenn man das gnadenlos egozentrische Verhalten der bestehenden Kollektive (oder bestimmter Eliten) betrachtet, dann wird einem eher Angst und Bang, als daß man Hoffnung schöpft für einen politischen Zivilisationsfortschritt, wie er in dem Programm vorgestellt wird und in diesem Pamphlet beschworen wird. 57. Die Menschheit ist die Herrscherin der Erde - wer könnte daran zweifeln. Sie ist es eigentlich schon seit 10 000 Jahren, seit sie seßhaft geworden ist und begonnen hat, Ackerbau und Viehzucht (und Sklavenhaltung?) zubetreiben. Ein überragendes Indiz für ihre Herrschaft ist die Tatsache, daß die vermutlich sehr alte Angewohnheit, sich gruppenweise gegenseitig zu überfallen, zu massakrieren oder zu versklaven, in den großen Epen ihrer Dichter in den Bildern des Kampfes und des heldenhaften Kriegers zur Hochkultur stilisiert hat. Selbst wenn das Kriegerische (die Aggression) dem (männlichen) Menschen im Blute liegen sollte, vielleicht weil es im Überlebenskampf gegen wilde Tiere durch früherer Jahrhunderttausende hindurch eine unabdingbare Eigenschaft war, selbst dann zeugt der aufwendige Kampf oder Krieg der Stämme und Völker, der Städte und Nationen gegeneinander davon, daß sich die Menschen als Art auf der Erde unwiderruflich etabliert haben und nur bei einer Megakatastrophe aussterben würden. 58. Die zivilisatorische Potenz der Menschheit ist heute so überragend, daß sich die aggressiven, wehrhaften Überlebensreaktionen, die genetisch teilweise in den "niederen" Gehirnen verankert sein mögen, beginnen als Hindernis für die aktuelle menschliche Überlebensfähigkeit zu erweisen. Man kann in diesem Zusammenhang den apostrophierten Paradigmenwechsel als Übergang von dem Prinzip des Überlebenskampfes zur Fähigkeit, zu leben, umformulieren. Leben - als Tätigkeit, die nicht mehr bedroht ist und nicht mehr befohlen wird - kann man nur aus eigenem inneren Antrieb. 59. Als Herrscherin der Erde benötigt die Menschheit tatsächlich die ideologischen Routinen fest gefügter Gruppen nicht mehr, auch wenn diese Gruppen während der meisten Zeit ihrer Geschichte und Vorgeschichte überlebenswichtig waren. Die Stärke moderner Organisationskraft und Technologie muß, um eine auf Dauer letale Hypertrophie zu vermeiden, kompensiert werden durch eine Dekomposition dieser traditionellen kollektiven Integration. Ganz abgesehen davon, daß sich die zeitgenössischen Kollektive durch ihren Pseudo-Überlebenskampf untereinander als unfähig erweisen, Rücksicht auf allgemeine Menschheitsbelange zu nehmen, ist die Menschheit heute längst stark genug, um ihr Überleben auf die Basis des Individuums zu stellen (auch wenn noch gewaltige Anstrengungen nötig sind, damit wirklich alle Menschen individuell unabhängig werden können). Denn die Schwäche des Individuums, verglichen mit einem Konzern, einer legalen oder illegalen (verbrecherischen) Organisation oder einem Nationalstaat soll geradezu jenes gesunde Maß werden, anhand dessen sich die unvergleichlichen zivilisatorischen Potentiale unserer Epoche sinnvoll entfalten können. 60. Gerade die Kleinheit des individuellen Denk- und Handlungsrahmen soll zudem wieder die vorausschauende "ganzheitliche" Vernunft ermöglichen, die den zeitgenössischen Kollektivsystemen abhanden gekommen scheint, die aber angesichts der weitvorausgreifenden Wirkungen heutigen Handelns unabdingbarer denn je ist. 62. Die Umstellung des menschlichen Lebens vom Prinzip der Kollektivität auf das Prinzip der Individualität kann nur von Menschen durchgeführt werden, die ausdrücklich die Funktion oder die Daseinsweise des Individuums innehaben. Die Komplexität der Welt muß nicht die rezeptiven und reaktiven Fähigkeiten des Individuums übersteigen, solange sie als solche wahrgenommen und nicht nur noch erlitten wird. Aber solange wir den kollektiven Entitäten, Staaten, Organisationen, Systemen oder Unternehmen ein unabhängiges Eigenleben zugestehen, das nur als ideologisch, metaphysisch, mythisch oder zwanghaft zu bezeichnen ist, sind wir nicht Herren im eigenen Haus. Die traditionelle Macht lebt nur noch von ihrem Nimbus; müßte sie diesen bestätigen, wären ihre Kräfte bald erschöpft. 63. Wenn heute der Eindruck entstanden ist, daß die Komplexität und Unübersichtlichkeit der Weltgesellschaft "abhebt" und den Menschen aus der Hand gleitet, dann ist dies ein Phänomen der strukturellen Eigenständigkeit der Sprache, welche mit Hilfe der abstrakten Denk- und Bildfähigkeit unserer Gehirne ununterbrochen neue Systeme, Strukturen, Bilder hervorbringt und als Wissenschaft, Technologie oder geistige Praxis künstliche Gegenstände, Substanzen, Verfahren, Kräfte etc. erzeugt, die alle wiederum in Verbindung mit dem menschlichen Leben und Trachten ungeahnte Eigendynamiken entwickeln. 64. Solange die geschichtlichen Kollektive oder Institutionen (Reiche, Staaten, Völker etc.), die jeweils eine für den Einzelnen unübersehbare Zahl von Menschen einschließen und die trotz aller materiellen Abhängigkeit von Territorien und Ressourcen in erster Linie geistige bzw. Sprachgeschöpfe sind, als überlebensnotwendig für die Individuen gelten, haben sie eine aus ihrer inneren Zwanghaftigkeit herrührende Starrheit, die der Dynamik der geschichtlichen Entwicklungen oft entgegensteht und zu revolutionären Brüchen führen kann. Das wird für die abhängigen Menschen höchst gefährlich und führt zu der paradoxen Situation, daß die Menschen die Katastrophen ihrer Geschichte oft selbst herbeiführen müssen. 65. Eine der wesentlichen Ursachen für kollektive Gewalt, an der die Geschichte so reich ist, liegt womöglich in der Erstarrung kollektiv-politischer Zustände, die durch die Kettung der das Leben beherrschenden überindividuellen Gegebenheiten an ebenso kollektiv festgelegte geistig-sprachliche Ideologien und Gesetze entstanden ist. Persönliche, individuelle Gründe für Gewalt und Zerstörung finden sich immer. Ihre Realisierung unterbleibt aber in den meisten Fällen, bzw. nimmt weniger gewalttätige Formen an - zumindest ist dies in den zivilisierten neuzeitlichen Gesellschaften der Fall. (Das war nicht immer so, wenn man z.B. an die schwierigen Bemühungen um einen Landfrieden im europäischen Mittelalter denkt oder an die Zivilisierung des "Wilden Westens". Und noch heute steht dieser schwierige Weg mancher Region noch oder wieder bevor.) Oft sind es erst kollektive Vorgänge, wie z.B. Kriege, die zu einer Entfesselung des Gewaltpotentials ansonsten friedlicher Bürger führen. Gerade jetzt, da kriegerische Gewalt sowohl aus Eroberungsgründen - die Erde ist im traditionellen Machtverständnis aufgeteilt -, als auch aus Gründen, die aus der Ungeeignetheit moderner Waffensysteme zu einem Krieg um Sieg oder Niederlage herrühren, als obsolet erscheint, muß sich dieser einmaligen historischen Chance die Dynamisierung oder "Verflüssigung" der Zivilisation zugesellen. Denn erst dadurch wird die kulturelle Funktion der kollektiven Gewalt überflüssig gemacht. Dies ist aber nur möglich, wenn sich die globale Kultur auf individuelle Unabhängigkeit und Selbstgestaltung stellt, in dem hier geschilderten umfassenden Sinn, der in Ergänzung der schon existierenden zivilisatorischen Errungenschaften auf den beiden innovativen Institutionen Weltereignis und individuelle politische Unabhängigkeit, auf einer fortschreitenden materiellen Subsistenz im Rahmen der Möglichkeiten und auf dem ausdrücklichen Schritt zu einer unabhängigen Persönlichkeit mittels Selbsterfahrung und Initiation beruht. 66. Die Entkopplung oder Entflechtung der materiellen Bedingungen menschlichen Lebens von dem geistig-sprachlichen Dasein des Menschen ist keinenfalls als die totale Trennung der beiden Bereich mißzuverstehen. Dies bedeutet allein die Individualisierung, d.h. die Unterordnung der sog. Lebensnotwendigkeiten unter das Primat des Individuums. Erst wenn das Individuum sowohl materiell wie geistig frei ist, erst dann gibt es keine ideologischen Zwangsverbindungen mehr zwischen materiellen Strukturen und geistigen Dynamiken, durch welche sich die traditionellen ganzheitlichen Kollektive auszeichneten und die einen Teil ihrer immer wiederkehrende Unstabilität und Zerstörungssehnsucht ausmachte. Erst dann ist auch die Gesellschaft frei (autonom). Andererseits zerstört das Primat des Individuums nicht etwa lokale kulturelle Traditionen, sondern im Gegenteil schützt sie geradezu vor der gleichmachenden Welteinheitskultur (McWorld)! Bei diesem großen Ziel geht es nie um perfekte Lösungen, sondern darum, der zukünftigen Entwicklung unserer großen Zivilisation eine sinnvolle Richtung zu etablieren - ganz im Sinne und in Fortführung dessen, was sich in der Neuzeit an neuer politischer Kultur entwickelt hat und was noch viel stärker aus der Vermischung mit den politischen Traditionen der vorherigen Geschichte herausgearbeitet werden muß. Denn diese Vermischung von modernem Handlungspotential und traditioneller kollektiver Machtpolitik birgt immer wieder tödliche Gefahren. 67. Das Problem der Bewältigung der materiellen Lebensnotwendigkeiten über alle lokalen Unterschiede hinweg weltweit allgemein zu fassen und angehen zu wollen hat etwas sehr künstliches oder willkürliches. Aber zum einen geschieht dies als technisch-wirtschaftliche Globalisierung in sich beschleunigenden Schritten schon während der ganzen Neuzeit, heute allerdings in der effektivsten und rigidesten Form, die noch einmal die ganze Zwiespältigkeit der abendländisch dominierten Neuzeit zeigt, eben jene Verbindung von Brutalität und menschenverachtenden Härte mit dem Aufbau einer zivilisierten, verkehrs-, austausch- und kommunikationsfähigen globalen Kultur. 68. Nicht zuletzt deshalb ist die fortschreitende materielle Unabhängigkeit des Individuums von entscheidender Bedeutung, um die Gefahren eines Zusammenbruchs einzelner Systeme zu minimieren, anders gesagt, um die Fehlerfreundlichkeit unserer Zivilisation zu erhöhen. Im Falle des Weltfinanzsystems, bzw. seines Zusammenbruchs würde durch lokale Subsistenz nicht nur die Verarmung ganzer Bevölkerungsschichten verhindert werden. Auch das System selbst würde erst dadurch wirklich frei und könnte sich allein nach Kriterien seiner Effizienz entwickeln, jedoch auch Krisen über sich ergehen lassen und daraus zu lernen, ohne allzu katastrophale Nebenwirkungen zu erzeugen. 69. Der Kontakt der Menschen zu ihresgleichen kann (und soll) sicher nie von der engen unmittelbaren Gebundenheiten befreit werden, die sein Wesen ausmacht (man denke an die Unabdingbarkeit von Pflicht- und Verantwortungsgefühlen aber auch von Überwältigung und Gewalt in Lust- und/oder Liebesverhältnissen und ihre Bedeutung für die menschliche Entwicklung). Im Gefolge der gesellschaftlichen Entkopplung können die Individuen die materiellen und geistig-kulturellen Lebenselemente zum Zwecke ihres zwischenmenschlichen Kontaktes fortschreitend selbst gestalten - zusammen mit ihren Mitmenschen. Daß der "common sense", die Frage, was sich schickt, dabei weiterhin eine wesentliche und hoffentlich geläuterte Rolle spielen wird, daß es Regeln gibt, die sich auch auf eine Garantie durch eigens dafür eingerichtete und darauf beschränkte, aber mit Sanktionsgewalt versehene Institutionen stützen, widerspricht nicht der Freiheit und Selbstgestaltung des individuellen Lebens, sondern macht es als Mitleben mit anderen unter der Bedingung der Freiheit überhaupt erst möglich. Was eliminiert werden soll, ist auch nicht die Kollektivität an sich - das Weltereignis wird gerade die höchste Form menschlicher Kollektivität oder Gemeinschaftlichkeit sein -, sondern nur die auf gesellschaftlicher Gewalt beruhende Kollektivität traditionellen Ursprungs. Die positive Kollektivität ist im Gegensatz dazu ein Phänomen der Sprache selbst und kann über die lokalen Verbindungen hinaus nur global existieren, indem es alle sprachbegabten Lebewesen umfasst. 70. Die Kinder werden im Rahmen einer dem Ziel der politischen Selbständigkeit dienenden Erziehung den Gebrauch der Freiheit lernen müssen, am meisten durch das unmittelbare Beispiel der Erwachsenen, wofür eine enge emotionale Bindung zwischen beiden wichtig ist. Diesen Entwicklungsprozeß vom reinen Naturwesen (von der Zelle oder dem Foetus) zum selbständigen, erwachsenen Menschen kennen schon die meisten Menschen und haben sie am eigenen Leib erfahren - zumindest wenn sie das Glück hatten, in Freiheit, bei nicht allzu neurotischen Eltern, Pflegeeltern oder in anderen angemessenen Lebensformen aufzuwachsenund dabei wenigstens bescheidenen Wohlstand und die Bildung zu erwachsenen Persönlichkeiten zu genießen. Daß dieses "Glück" möglichst allen Menschen zukommen muß, dazu gibt es wohl keine ernstzunehmende Alternative - es sei denn, jemand qualifiziert sich freiwillig als Skalvenhalter, der andere Menschen in einem primitiven Stand lassen möchte. Diese Globalisierung der Freiheits- oder Bürgergesellschaft benötigt als notwendige, wenn auch noch nicht hinreichende Voraussetzung den hier apostrophierten Paradigmenwechsel vom Kollektiv, welches der Orientierungsmaßstab vergangener Zeiten war, zum Individuum als der Basis zukünftigen, materiellen und geistigen menschlichen Lebens auf der Erde. Hinreichend wird der Paradigmenwechsel, wenn er durch eine erlernte und bewältigte Freiheit, d.h. durch die kulturelle und die materielle Selbständigkeit der Individuen ergänzt wird. 71. Wenn der Mensch denkt und spricht, dann befindet er sich im Bereich neokortikaler Aktivität, d.h., er benutzt seinen Neokortex. Individuelle politische Selbständigkeit wird er nur unter Ausbildung und Benutzung dieser seiner Fähigkeit erlangen. 72. Der zivilisatorische Zustand der menschlichen Kultur hat die Phase des puren Überlebenskampfes spätestens heute definitiv überwunden, auch wenn vielzuviel Menschen grotesker Weise davon noch nichts merken (2 Millarden Menschen leben von weniger als zwei Dollar pro Tag, sagt Ted Turner). Und sie wird sich mit ihrer überbordenden Kraft eher selbst töten, als aufgrund von Naturunbill als Gesamtes unterzugehen (wenn man von Katastrophen kosmischen Ausmaßes absieht). Deshalb hat diese Kultur die verdammte Pflicht, jedem Individuum die Möglichkeit zugänglich zu machen, selbstbestimmt außerhalb des Zustands der Knappheit an wesentlichen Gütern des täglichen Lebens zu leben. Dieses Zugänglichmachen ist keinesfalls als Aufgabe einer bestimmten Elite zu verstehen, z.B. der Verwaltung und Regierung eines Wohlfahrtsstaates. Es ist zuerst und vor allem Aufgabe und Ausdruck des gesamtmenschlichen Wollens, das sich dafür einen konkreten Ausdruck suchen muß. Solange für eine Mehrheit von Menschen ihre jeweiligen Kollektive wichtiger sind als die Menschen auf der Welt, solange sie ihre Regierungen nicht zu reinen und ausschließlichen Dienstleistern des jeweiligen lokalen Allgemeinwohls mit konsequenter Beschränkung ihrer Funktionen herabgewürdigt haben, solange die Menschen nicht den Anspruch entwickeln, ihr Leben nach dem jeweils technisch und wirtschaftlich bestmöglichen Stand selbst zu gestalten, anstatt mit diesem Fortschritt die Macht überholter Kollektivstrukturen zu verlängern, vergrößern und sich in Abhängigkeit - und sei sie noch so versüßt - von ihnen zu halten, solange werden diese Strukturen, diese Regierungen, diese Kollektivsysteme in ihrer unzeitgemäßen Überbedeutung erhalten bleiben. Das Problem ist nicht anders als mit Freiheit zu lösen. Und Freiheit kann erst dann globale Wirklichkeit werden, wenn sich die Menschen weltweit zu ihr entschließen. Die Perspektiven und realen Möglichkeiten zur Freiheit aufzuzeigen, weltweit und allen Menschen, das ist vielleicht zuerst die Aufgabe weniger Menschen. Diese wenigen sind aber keine Elite im klassischen Sinn, sondern müssen sich vor allem anderen als freie Individuen im allgemeinsten Sinne verstehen. 73. Es ist grotesk, daß es gerade die generelle Infragestellung des Wohlfahrtsstaates das derzeit prominentesten öffentlichen Thema einer Entmachtung und Deregulierung bestehender Kollektivstrukturen ist, wenn man daran denkt, wofür ansonsten öffentliche Gelder bereitgestellt werden müssen (z.B. für Rüstungsgüter, Subventionen, Schuldentilgung, Alimentation von Eliten). Falsche Wohlfahrt mag die Menschen in Abhängigkeitsverhältnissen festsetzen wie nicht zuletzt die Entwicklungshilfe problematik aufzeigt, falsche Wohlfahrt mag sie zu unfreiwilliger Unehrlichkeit und zu Betrug verleiten. Richtige Wohlfahrt jedoch, öffentlich finanziert und/oder privat finanziert, die vor allem Erziehung, Bildung und Ausbildung ermöglicht, ist essentiell zur Weiterentwicklung einer zivilen Weltgesellschaft, insbesondere unter den Bedingungen der fehlenden Mittel für eine moderne, die Individuen entlastende Subsistenzform, d.h. dem augenblicklich noch vorherrschenden Stand materieller Existenz, der eben nur einem Teil der Weltbevölkerung die Möglichkeit zu Wohlstand eröffnet. Worauf sollte die zivile Weltgesellschaft denn beruhen, wenn nicht auf gebildeten, selbständig tätigen Menschen?! 74. Daß die materielle und geistige Selbstbestimmung der Individuen, daß das politische Menschsein - wie es hier genannt wird - ein sinnvolles, ein notwendiges und ein schon längst mögliches Ziel ist und daß die gesamtkulturelle Entwicklung der Menschheit schnellstmöglich in diese Richtung zu gehen hat, muß ein Gemeinplatz im Denken aller Menschen werden. 75. Macht ist zum wesentlichen immer geborgte Macht. Keine Herrschaft kann mit pausenlosem unmittelbaren Zwang funktionieren; sie braucht die Ordnung auf der Basis der freiwilligen Teilnahme der Menschen. Letztere ist traditionell leider oft mit Bestechung und der Erzeugung von Angst erkauft, was schon bei der entsprechenden Erziehung der Kinder zu Untertanen beginnt. Die Menschheit, die seit ca. 100 Jahren mittels der elektronischen Datenübertragung ein weltöffentliches Gemeinschaftsbewußtsein entwickelt, hat die Pflicht, die Macht von den bestehenden Eliten weg zu nehmen, weil eine elitäre Weltordnung und die Repräsentation des Ganzen der Menschheit durch wenige friedlich nicht möglich ist. Diesen Prozeß der Machtübernahme, den man als Ergebnis und Endpunkt der modernen neuzeitlichen Revolutionen bezeichnen könnte, bedeutet die Veränderung der Macht, die ihren unmittelbaren, materiellen Impetus (die kollektive Gewalt als Ordnungsprinzip) verliert und mit beiden Beinen auf die mittelbare, geistige Seite wechselt, auf der sie seit geschichtlichen Zeiten oft schon mit einem Bein (als Ideologie) gestanden hat. Wohlgemerkt, diese Veränderungen sind aus der Perspektive der Kollektivgeschichte geschildert - der Geschichte im klasssischen Verstand. 76. Daß zu dem Prozeß der individuelle Machtübernahme parallel oder als Voraussetzung die individuelle Emanzipation im umfassenden Sinne gehört, zeigen die schwierigen und oft negativen Erfahrung der neuzeitlichen Revolutions- und Befreiungsakte. Aus diesem Grunde ist dieser Prozeß auch nur dann sinnvoll vorstellbar, wenn er lokal und von jedem selbst - quasi von unten - bewerkstelligt wird. Das Weltereignis, aber auch die wachsende Zahl politischer Menschen in diesem Sinn soll den "schwachen" Einzelnen die Autorität und die Kraft geben, sich gegenüber den Eliten durchzusetzen. Auf der Ebene dieses Pamphlets, das eher auf der allgemeinen Ebene einer Verfassung angesiedelt ist, kann der Prozeß der unzähligen individuellen Machtübernahmen nicht im voraus konkret dargelegt werden. Deshalb haben diese Formulierungen immer etwas Unspezifisches. 77. Als hinreichende, wenn auch nicht notwendige Bedingung für Armut und soziales Elend kann man die Binnendifferenzierung von Gesellschaften betrachten - d.h. das Phänomen, daß sich die Identität einer Person, einer sozialen Gruppe oder einer Klasse aus der Abgrenzung zu den anderen Personen oder Gruppen speist. Diese strukturelle, Inferiorität erzeugende Wirkung soll durch die individuelle Institution, die eine freie geistige Abgrenzung und Identität des Einzelnen durch die Initiation erforderlich macht, im Prinzip aufgehoben werden. Dabei geht es mitnichten um die Einebnung von Unterschieden - ganz im Gegenteil -, die Individualisierung wird erst die tatsächlichen Unterschiedlichkeiten der Menschen zum tragen bringen, wohingegen das Modell der sozialen Abgrenzung auf kollektiven Regularien und Mechanismen beruht und starken Konformitätsdruck ausübt. 78. Die (moderne) arbeitsteilige Gesellschaft, die (moderne) Geldwirtschaft etc, all diese Errungenschaften sind unabdingbar für den weiteren Fortschritt der Zivilisation. Dieser Fortschritt wird aber nur dann zu keinen neuen menschlichen Katastrophen führen, derart, wie sie das 20. Jahrhundert schlimmer denn je erlebt hat, wenn er rigoros entkollektiviert wird. Ein entscheidender Bestandteil dieser Entkollektivierung ist die ständig zu steigernde individuelle Verfügungsgewalt über Mittel zur materiellen und kulturellen Selbständigkeit, die lokal, subsistenzorientiert und in nachhaltigen Kreislaufsystemen organisiert sind. Diese Mittel sollen jeweils den technologisch und gesellschaftlich avanciertesten Charakter haben (high-tech self-providing) und den Nimbus höchster Modernität und "Angesagtheit" genießen. Sie sollen und können nur durch die spezialisierte kapitalistische Wirtschaft zu Stande gebracht werden und nur als Massenprodukte einen für immer mehr Menschen erschwinglichen Preis haben. Die Hürde, die die Weltzivilisation zu überwinden hat, ist das Wohlergehen der Milliarden von Menschen, die nach wie vor unter dem Existenzminimum leben und schutzlos unerträglichen Härten ausgesetzt sind. Im Rahmen der jetzigen Gesellschaft leben ja schon viele Menschen materiell selbständig, indem sie ihr Geld verdienen und davon ihren Lebensunterhalt bestreiten. Die in unserem politischen Projekt postulierte lokale Selbständigkeit soll die existierenden Formen auf Geld basierender Selbstständigkeit nicht etwa ersetzen, sondern kontinuierlich ergänzen, um eben die materiellen Strukturen menschlichen Lebens zu entflechten - mit dem Ziel einer individualisierten, entkollektivierten menschlichen Weltgesellschaft. 79. Die Gründe der Menschen, zu arbeiten und einen Beruf zu erwerben, sind vielfältigster Natur und nicht auf den puren Überlebenszweck zu reduzieren - auch wenn es umfassende Möglichkeiten für eine lokale Subsistenz gibt. Auch in Zukunft wird Luxus viel Geld kosten. Jeder Mensch muß zudem wenigstens soviel Geld verdienen, daß er sich die Mittel zur Selbsterhaltung erwerben kann. Ausgehend vom jetzigen Zustand großer Armut, in dem sich noch immer ein Großteil der Menschen auf der Erde befindet, sollte sich die Einführung dieser neuen Möglichkeiten der Existenz so schnell wie irgend möglich ereignen, damit immer mehr Menschen ihre materiellen Notwendigkeiten endlich selbst und vor Ort bewältigen können, was die Voraussetzung dafür, daß das zivilisatorische Niveau überall auf der Welt steigen kann. 80. Die Institution des politisch selbständigen Individuums in die Welt zu setzen mittels eines neu - quasi aus dem Nichts - zu schaffenden politischen Weltereignisses und ein Beispiel des politische Menschsein zu geben ist das Ziel, zu dem auch dieses Pamphlets beitragen soll und das deshalb als Ausdruck politischen Handelns zu verstehen ist. Zur Durchführung des Weltereignisses soll eine konsequent professionell arbeitende, kommerzielle Organisation gegründet werden, die ihr Ziel unter Einsatz aller verfügbaren modernen Mittel in größtmöglicher Offenheit und Transparenz erreichen soll. Mit dem Ende des Weltereignisses wird diese Organisation aufgelöst, denn eine Gemeinschaft der Menschheit soll keine feste, bürokratische Struktur erhalten. 82. Die Erosion staatlicher politischer Ordnungsmacht, die derzeit zu beobachten ist, sei es als Zusammenbrechen ganzer Staaten in Afrika, sei es als finanzielle Krisen der öffentlichen Hände in den Industriestaaten durch die Verminderung der Steuereinnahmen oder als Verlust des Gewaltmonopols in bestimmten Zonen großer Metropolen (z.B. in den Banlieus von Paris) sollte weniger als eine Machtübernahme von Tribalismus und Straßengangs einerseits oder als schiere Dominanz der globalisierten Wirtschaft über die Politik andererseits begriffen werden. Diese Erosion wird viel besser verständlich, wenn sie dem Zustand des Interregnums zugerechnet wird, in dem wir uns nach dem Ende der Aufteilung der Welt in zwei Quasi-Reiche im Kalten Krieg immer noch befinden. 83. Wir gehen davon aus, daß der letzte wirklich stabile politische Zustand auf der Erde zur der Zeit geherrscht hat, als die Menschen in kleinen Jäger- und Sammlergruppen lebten, also vor der sog. neolithische Revolution (vor etwa zehntausend Jahren). Diese Gesellschaften waren durchaus schon differenziert, wie wir aus den anthropologischen und ethnologischen Erkundungen der noch in unserer Zeit lebenden Jäger- und Sammlergesellschaften wissen. Sie lebten trotz kleiner Fehden eher friedlich, hatten kaum Eigentum und ihre Regeln waren locker, egalitär und anarchisch - vorausgesetzt, ihre Lebensbedingungen waren nicht zu hart und sie waren nicht degeneriert. Sie haben sich in der Form kleiner, nomadisierender und verwandtschaftlich gebildeter Gruppen über viele Jahrzehntausende etabliert und stellen somit trotz ihres vergleichsweise niedrigen technologischen Entwicklungsstandes eine viel tiefere und stabilere Form menschlicher Gesellschaft dar, als alles, was danach, während der letzten zehntausend Jahre hervorgebracht worden ist. Und wenn es mehr auf Raub und Gewalt gesonnene Gruppen unter ihnen gegeben hat, dann konnten diese niemals jene Formen der Unterdrückung und Zerstörung produzieren, die in den Zeiten der Seßhaftigkeit bis in unsere Tage immer wieder stattgefunden haben - wie unser Jahrhundert gezeigt hat, mit im Umfang der Negativität und Entsetzlichkeit nach oben offen Ende. In dieser, der seßhaften Periode des menschlichen Daeins, vor allem jedoch seit Erfindung der Schrift ist das politische Leben in eine nicht enden wollende Kette von Umbrüchen und Innovationen geraten. Eine politische Neubildung folgte auf die andere, ein Reich, eine Herrschaft, ein Regelsystem nach dem anderen wurde errichtet, erobert, geschaffen und ist wieder untergegangen. Zweifelsohne war es eine gigantische Zeit, in der sich die Menschen in jeder Hinsicht - nicht nur im Schlechten, sondern auch im Guten, in ihren Verbrechen wie in ihren großartigen Leistungen - ins Maßlose steigerten. Wolfgang Behr Besuchen Sie die STRING Homepage |