Politik der Geistigen Freiheit II - Politisches Pamphlet

von Wolfgang Behr

  
Teil 2:

 

44. Da perfektes Leben ein sinnloser, ein lebloser Gedanke ist, werden wir uns auf das naheliegendste Ziel konzentrieren und mit Hilfe des modernen, sich weiter vermehrenden Wissens die Standards menschlichen Lebens so einrichten und einzustellen, daß im Prinzip alle Menschen aus eigener Kraft und in eigener Regie ihr Leben so zufriedenstellend wie möglich führen können. Dieses Ziel ist nie einhundertprozentig zu verwirklichen, aber das ist nicht entscheidend. Entscheidend ist der Maßstab, der diesem Ziel zugrunde liegt. Die Politk der Geistigen Freiheit ist die Revitalisierung von Aufklärung und Fortschritt für eine strikt individualisierte oder personalisierte Welt. Wie weit auch jeder kommen mag mit diesem Programm, er soll jedenfalls nicht mehr gestört werden durch die unwägbaren irrationalen Eigendynamiken der konstitutiv zur "Doofheit" neigenden Kollektive. Individuen können intelligent im Sinne umfassender Vernunft sein, was einen komplexen, persönlichen Reifeprozeß voraussetzt, vollendet in einer Initiation zur lebendigen, geistigen Freiheit. Kollektive können diesen Stand niemals erreichen! Letztenendes sind sie überflüssige Überlebensmaschinen, Monster aus längst vergangenen Menschheitszeitaltern. Nur als Dienstleistungsveranstaltungen für die beteiligten Individuen haben sie Existenzberechtigung, ja können nach wie vor eminent wichtig sein.
Man könnte in diesem Zusammenhang auch von einem Paradigmenwechsel vom Überleben zum Leben oder vom materiellen Substrat zur geistigen Existenz sprechen. Denn die ganze Moderne ist noch in hohem Maße verstrikt in dem Kampf mit den materiellen Anforderungen des Lebens. Gläubige Menschen, wiewohl noch eingebunden in vormoderne Kollektivstrukturen, blicken nicht zu Unrecht mit Verachtung auf diesen Materialismus. Es gibt überhaupt keine Alternative dazu, daß sich auch die moderne Kultur ausentwickelt bis zu der ihr gemäßen Geistigkeit. Diese kann nur - wir wiederholen uns ständig - individuell und persönlich sein, auf allgemeinsten Niveau und unter voller, pflegender Berücksichtigung der materiellen Substrate des lebendigen Geistes. Diese sind für den individuellen Geist nicht mehr äußerlich, sondern seine integralen Bestandteile.

45. Die Politik der Geistigen Freiheit beruht wesentlich auf der Fortentwicklung der arbeitsteiligen Gesellschaft und des modernen Wirtschaftslebens. Denn beide beruhen in hohem Maße auf der Eigeninitiative der Menschen.
Alle modernen, auf der Selbständigkeit der Menschen beruhenden Tätigkeiten und Freiräume sollen erhalten, verfeinert und vergrößert werden, nicht ohne den intelligenten Umbau zur Nachhaltigkeit und Ökoeffizienz gegenüber Ressourcen und Umwelt, was schon aus reinen Kostengründen geboten sein wird. Dies wird aber um so besser funktionieren, je mehr auch die Wirtschaftsentitäten und -strukturen den Charakter moderner Institutionen annehmen - so offen und transparent wie es ihr Konkurrenzkampf zuläßt. Dies läßt sich nicht durch Abschaffung sei es des Privatbesitzes, seien es bestimmter Privilegien erreichen - absolute Gerechtigkeit ist eine Chimäre der Äußerlichkeit -, sondern nur wenn die Individuen politisch auf der Läuterung und Entmachtung aller gesellschaftlicher Kollektive und Institutionen bestehen. Für die Wirtschaft bedeutet das in letzter Konsequenz, daß bei einer Abnahme des Zwangs, arbeiten zu müssen, die "Arbeitgeber" durch die gebotenen Arbeitsbedingungen vermehrt um die "Arbeitnehmer" werben müssen. Die Politik der Geistigen Freiheit ist auch als Bild für ein breiteres Schema befriedigender menschlicher Tätigkeiten zu verstehen, als es die moderne Erwerbsarbeit alleine bieten kann.
Welchen Lebenswandel die Individuen wählen, ob sie in Saus und Braus leben oder eher bescheiden, ist Sache des persönlichen Charakters und sollte weitmöglichst ihnen überlassen sein, vorausgesetzt, jeder hat die Lebensmöglichkeit seiner Wahl und keiner muß sich zu sehr auf Kosten der anderen verwirklichen. Manche Dinge werden immer knapp bleiben. Allem voran der Platz oder der Raum an begehrten Orten und ihr Erwerb erfordert die Anstrengung vermehrten Gelderwerbs. Aber was die lokale Subsistenz als solche betrifft - z.B. an weniger bevorzugten Orten, so kann an der Möglichkeit ihrer technologischen, wirtschaftlichen wie gesellschaftlichen Realisierung bei einer Prioritätensetzung im hier skizzierten Sinne kein wirklicher Zweifel aufkommen - wäre doch jetzt in dieser Hinsicht schon viel mehr möglich, als was die politischen und psychosozialen Gegebenheiten, sowie die ökologischen Grenzen zulassen. 46. Wenn man an die Bedeutung von Berufsethos und Arbeit für das Leben und Selbstbild vieler Menschen denkt, gibt es keine Grund anzunehmen, daß die Vielfalt menschlicher Tätigkeiten in der Zukunft abnehmen könnte. Individuelle Selbstbestimmung und Subsistenz hat in erster Linie das Ziel, die Möglichkeit zu schaffen, erniedrigender Zwangslagen zu entkommen. Diese Möglichkeit muß von den Menschen selbst ergriffen werden, sie muß aber auch realistisch verfügbar sein. Es geht darum, daß die Menschen weder materiell, noch in Bezug auf ihre Identität und ihre gesellschaftliche Existenz gänzlich von ihrer Arbeit (gemeint ist Arbeit für Geld, nicht Subsistenzarbeit) abhängig sind.

47. Eigentlich definierte sich ja schon die bürgerliche Wohlfahrtsgesellschaft im Bezug auf die essentiellen, lebensnotwendigen Güter nicht mehr als eine Knappheitsgesellschaft, indem sie den Ärmsten die Sozialhife zur Verfügung stellte. Es zeigt sich jedoch, daß der endgültige Schritt aus der Welt des gnadenlosen Überlebenskampfes nicht mit oder in kollektiven bürokratischen Strukturen zu verwirklichen ist. Denn erstens wird es immer knappe Güter geben, wo sollte man da als (Um-)Verteiler die Grenze ziehen? Zweitens kann die Bürokratie mit ihren allgemeinen Regeln dem Individuum nie völlig gerecht werden. Und drittens ist die bürokratische Lösung an den territorialen Nationalstaat gebunden und als solche nicht globalisierbar. Daher benötigen wir noch eine weitere Revolution, in diesem Fall allerdings eine evolutiv gestreckte, "minimal invasive" geistige Revolution. Sie zielt nicht auf die Versorgung der Menschen von außen oder oben, sondern auf die Verwirklichung der Politik der Geistigen Freiheit. Dadurch sollen sich die Menschen von der bürokratischen Zivilisation emanzipieren und mit Hilfe unseres nur scheinbar noch zukünftigen Zivilisationstandes eine individuell erwerbbare, für jeden erschwingliche und auf einfache Weise zugängliche materielle (und kulturelle) Lebensbasis in Form lokaler Subsistenz zu schaffen. Diese Subsistenzform wird nicht alle Bedürfnisse und Notwendigkeiten befriedigen können, aber sie wird die Möglichkeit relativer Unabhängigkeit der einzelnen Menschen verallgemeinern und auf eine weltweite neue, auf den einzelnen Menschen bezogene politische Basis stellen.
Der Terminus "geistige Revolution" meint daher, daß der erste Schritt dorthin nicht die praktischen oder technische Lösungen für den Alltag sein werden, sondern ein neues politisches Selbstbild des Menschen.

48. Für eine Freiheitskultur ist es nicht notwendig, daß die Menschen von der Geldwirtschaft als der jetzt gegebenen Regulierung des Zugangs zu knappen Gütern vollkommen unabhängig werden. Im Gegenteil, das Medium Geld ist vor allem eines der effektivsten Mittel unseres zivilisatorischen Fortschritts und ein wesentlicher Motor der Individualisierung. Es wird in einer sich weiter differenzierenden Welt immer seine überragende Bedeutung behalten. Freiheitsrelevant ist der geistige Paradigmenwechsel vom Kollektiv zum Individuum, der nicht mehr und nicht weniger besagt, als daß die materielle Existenz des Individuums, weil sie der geistigen Freiheit nachgeordnet ist, so autark wie möglich sein soll und deshalb weder einem wie auch immer gearteten Konkurrenzkampf zwischen den Menschen, noch einem großen alles notwendig verbindenden System unterliegen soll. Der Konkurrenzkampf kann und soll als Ansporn zu Leistung weiterhin eine kulturelle Gegebenheit bleiben, aber er darf keine die natürliche Basis des Menschen betreffende Angelegenheit mehr sein. Diese natürliche Basis soll daher soweit wie möglich von der Geldwirtschaft unabhängig gemacht werden. Allerdings verlangt die aus dieser Bemühung resultierende Subsistenz von den Menschen auch oder gerade im Rahmen immer moderner werdender Lebensbewältigungen durchaus Arbeit, Sorge und ein umfassendes Bewußtsein für ihre Lebensressourcen ab. Die Politik der Geistigen Freiheit geht auf eine erworbene und keine geschenkte Freiheit hinaus.
Aber auch die Subsistenz wird zudem immer wieder Produkte benötigen, die nur mit Geld zu erwerben sind. Schon allein daher wird Erwerbsarbeit eine wichtigen Stellenwert behalten. Erst recht brauchen wir Geld für den ganzen Reichtum an Dingen und Dienstleistungen, die obwohl nicht lebensnotwendig, doch wichtig, reizvoll oder schön sind und die das Leben lebenswert machen. Die Gewichte dessen, was und wieviel man im Leben alles benötigt, werden sich für den politisch individualisierten Menschen vermutlich verschieben, hin zu mehr Unabhängigkeit von gesellschaftlichen Normen und Erwartungen.

49. Uns ist bewußt, daß wir hier versäumen, genaueres darüber sagen, wie z.B. in Brasilien das Land verteilt werden soll. Schließlich kann es keine Subsistenz geben ohne einen akzeptablen Flecken Erde - da hilft alle High-Tech nicht weiter. Dieses Versäumnis liegt daran, daß wir glauben, aus der neuzeitlichen Revolutionsgeschichte den Schluß ziehen zu können, wonach eine Veränderung der Lebensverhältnisse am besten aus einer substantiellen Veränderung der geistig-politischen Auffassungen und Selbsteinschätzung der einzelnen Menschen hervorgehen kann. Nichtsdestotrotz mag es auf der Erde (z.B. in Brasilien) noch Verhältnisse (z.B. Landbesitzverhältnisse) geben, die sich anscheinend nur klassisch revolutionär und d.h. mit Gewalt lösen lassen.
Die bekannte Erfahrung, daß die meisten Menschen sich nicht zu einer humanistischen oder idalistischen Weltsicht bewegen lassen (sei denn, sie haben sie schon), sondern bei ihren alten konservativen oder reaktionären Einstellungen festhalten, die oft vormoderne Gesellschaftsbegriffe beinhalten, ist nach der hier zu Grunde liegenden Perspektive darauf zurückzuführen, daß das Angebot für eine neue nachrevolutionäre Gesellschaft bisher noch völlig ungenügend war. Dieses Angebot muß sein Hauptaugenmerk auf die großen neuen Möglichkeiten der Zukunft legen und nicht auf den Verlust irgendwelcher bestehender Privilegien, die sich vielleicht ganz von selbst erledigen. Aber es wäre naiv, zu glauben, daß das Zeitalter der gesellschaftlichen Gewalt und des Kampfes um Ressourcen heute schon vorbei ist.

50. Der Paradigmenwechsel vom Kollektiv zum Individuum befürwortet eine generelle Entflechtung der Menschen und ihres jeweiligen Lebens, die sie aus jeglicher undifferenzierten, äußerlichen Gruppenabhängigkeit herausführt und den verbleibenden materiellen Verknüpfungen über das rein sachlich gegebene hinaus keine Bedeutung mehr zuschreiben. Die Bewältigung materieller Lebensnotwendigkeiten, soweit sie nicht für den einzelnen Menschen aus eigenen Mitteln vor Ort möglich ist, soll von verschiedenen, strikt auf die jeweilige Aufgabe begrenzten Institutionen zur Verfügung gestellt werden - im Rahmen der arbeitsteiligen Gesellschaft. D.h., die moderne Institution ist das Mittel, das die Menschen von ihrer Zivilisation emanzipiert, selbstverständlich bei voller Aufrechterhaltung der Möglichkeiten dieser Zivilisation. Die Entflechtung ist Teil der kulturellen, mentalen Prozedur des Paradigmenwechsels. Beide, die Entflechtung und der Paradigmenwechsel mögen eine große Veränderung gegenüber der traditionell bekannten Welt darstellen. Sie beinträchtigen aber nicht individuelle, gefühlsmäßige Bindungen zwischen einzelnen Menschen oder von Individuen zu Gruppen, Völkern, Nationen oder Religionen etc., denen sich einzelne Menschen zugehörig fühlen. Im Gegenteil, insofern diese Bindungen ideelle Momente des Lebens sind, werden sie durch die Entflechtung und den Paradigmenwechsel von dem einseitigen Materialismus der modernen Kultur befreit.

51. Was durch die Entflechtung der Menschen vor allen Dingen ausgeschlossen werden soll, ist jeglicher Anlaß für einen Kampf zwischen Kollektiven auf Leben und Tod, also für den Krieg. Die Mittel, die unsere wissenschaftlich-technische Zivilisation hervorgebracht hat und noch weiter hervorbringen wird, sind zu potent, um sie in Waffenform zur Anwendung zu bringen. Daher soll sich die Intensität, mit der die Menschheit Waffenforschung und -produktion betrieben hat, auf das zivile Dasein konzentriert, um Schritt für Schritt die postulierte individuell erwerbare, handhabbare, lokale Subsistenzform zu schaffen, die genügendes Niveau, Erschwinglichkeit, Attraktivität sowie Nachhaltigkeit und Ökoeffizienz miteinander verbindet, um praktisch überall auf der Erde eine lebenswert materielle Existenz zu ermöglichen - soweit das die jeweiligen Naturbedingungen und die schon beeinflußten Ökosysteme zulassen.
Leben wird auch in Zukunft kein Kinderspiel. Aber wer diese Ziele seiner Möglichkeit nach in Frage stellen wollte, würde die Rede von Wagniskultur, von der "new frontier", die wir bewältigen müssen, Lügen strafen. Als bedeutenstes Gegenargument gegen eine individualisierte politische Weltordnung wird meist die Macht oder die Mächtigen gehandelt, die diese Entflechtung nicht zulassen werden. Der Glaube an die Macht beruht aber auf einer Mythologisierung, tatsächlich sind die Mächte der heutigen Zeit schon längst auf die Selbständigkeit der Individuen angewiesen und nicht mehr mit absolutistischen, sklavenhaltenden Potentaten früherer Epochen zu vergleichen. Einer substantiellen Kulturentwicklung, wie sie hier projektiert wird, haben heutige Machthaber nichts entgegenzusetzen, insbesondere, wenn das Procedere, das Verfahren der neuen Menschheitskultur darauf abzielt, alle Gruppen und Kräfte in ein geschichtlich einmaliges politisches Weltereignis mit einzubinden und die Machthaber unter Bezug auf ihre Bedeutung und Ehre zur Beteiligung zu bewegen.

52. Ich beschreibe und postuliere den Paradigmenwechsel vom Kollektiv zum Individuum notwendigerweise als Mensch, d.h. als ein Lebewesen, das sprachbegabt ist. Allerdings soll mein bzw. das Menschsein überhaupt in einem entscheidenden Sinne umfassender sein, als sich bis heute Menschen auf der Erde üblicherweise als Menschen und damit als individuelle Ausprägungen einer gemeinsamen (weil miteinander fortpflanzungsfähigen) Art verstehen. Denn das Projekt zur Durchsetzung des hier angeführten Paradigmenwechsels soll dezidiert zu einem politischen Menschsein führen. Dies ist eine Zuschreibung, die es tatsächlich, streng genommen, solange Kollektive (oder Systeme) die eigentlichen Protagonisten der Politik sind, noch nicht gibt (auch nicht als der bekannte "homme de politique", der Politik ja nur als seine Profession oder als seine Rolle in der Gesellschaft innehat und nicht als sein unmittelbares, kulturell-menschliches Existieren).
Aus all diesen Gründen gibt es diese Zuschreibung auch noch nicht für mich. Insofern stellt das politisches Menschsein einen Vorgriff auf den apostrophierten Paradigmenwechsel dar. Deshalb bleibt mir, der ich diesen Wechsel und das politische Menschsein aus den dargelegten und manchen anderen Gründen für unverzichtbar halte, nichts anderes übrig, als diese Position provisorisch, nichtsdestotrotz mit realem Anspruch als erster einzunehmen. Wohlgemerkt, diese Position einnehmen heißt mehr, als sie bloß zu postulieren. Sie einnehmen heißt, vor der Weltöffentlichkeit diese menschlich-politische Daseinsform zu proklamieren, zu verkörpern und ihre Priorität, den Vorrang des sich selbst bestimmenden Individuums vor allen kollektiven Machtagglomeraten und Ordnungssystemen, sei es alter, sei es neuer Prägung durchzusetzen. Dazu rufe ich zur (zwar geistigen, aber pragmatischen) Revolution gegen diese kollektiven Mächte auf, fordere alle Menschen auf, diese Position individueller, politischer Selbständigkeit - das politischen Menschsein - für sich zu erwerben und einzunehmen. Um all dies zu erreichen, muß ich eine herausragende Persönlichkeit der zeitgenössischen Weltöffentlichkeit werden.

53. Jedes einzelne Individuum ist viel schwächer als eines der bekannten Kollektive oder Systeme, bzw. als deren Vertreter und Protagonisten. Insofern stellt das Gelingen einer Revolution des Individuums gegen traditionelle gesellschaftliche Mächte sowie die Übernahme dieser Macht den expliziten historischen Wechsel weg vom Primat der unmittelbaren Gewalt (Recht des Stärkeren) als ultima ratio des menschlichen Zusammenlebens hin zum Primat des Immateriellen dar. Denn kollektive Macht beruht immer auch auf unmittelbarer Gewalt, während eine Macht des Individuums, die diese kollektive Macht ersetzen soll und die ja jedem Individuum, als auch den Schwächsten zukommen muß, den definitiven Verzicht auf kollektive Gewalt bedeutet. Für die Gewalt der Individuen untereinander ist das Gewaltmonopol und die Vollstreckungsinstitutionen der staatlichen und internationalen Polizeien und Gerichtsbarkeiten zuständig, die immer auch bestimmten Traditionen unterstehen und niemals - das sei nur der Vollständigkeit halber erwähnt - absolute Gerechtigkeit erreichen können.
Das Primat des Immateriellen bedeutet also, daß die Menschen freiwillig darauf verzichten, unmittelbare Gewalt als gesellschaftliches Mittel einzusetzen. Dieser Zustand, dieses Niveau ist in rechtsstaatlichen Gesellschaften schon bis zu einem gewissen Grad verwirklicht, jedoch selbst hier noch nicht grundlegend genug und erst recht noch nicht im Weltmaßstab. Insofern die moderne Zivilisation begonnen hat, sich von der Territorialität zu lösen, lebt sie bereits ein Stück weit gemäß dem Primat des Immateriellen, für das dann der eigene Körper des Menschen sowie die ganze Palette der Kulturgüter nur noch das Substrat darstellen. Dieses Substrat soll durch den Fortschritt so schnell und so weitgehend wie möglich auf dauerhaft, individuell und allgemein bewältigbar umgestellt werden - im Rahmen des Lebendigen, das konstitutiv dem Verfall und dem Schicksal preisgegeben ist. Welches Ziel hätte der Fortschritt denn sonst?
Gemessen an diesem Ziel stellt sich heraus, daß auch der erreichte Stand selbst der zivilisiertesten Lebensbereiche noch absolut ungenügend ist. Dadurch wird die Distanz zwischen den verschiedenen Kulturstadien auf der Welt, zwischen arm und reich, zwischen Elite und Aussenseiter weitgehend relativiert. Genau darin besteht aber auch die überwältigende Chance einer neuen Weltkultur, eben daß sie noch immer und überall eine fast gänzlich neu zu Schaffende ist.

54. Die Freiheit des Geistes befindet sich jenseits aller Dogmatik, die das zentrale Mittel der Konstitution und Aufrechterhaltung bestehender Machtkollektive ist. Die Dogmatik hat nichts mit den rationalen, in ihrem Geltungsradius begrenzten Regelwerk einer modernen Institutione zu tun, sondern stellt konkrete Ansprüche an den einzelnen Menschen bezüglich der Art und Weise, wie er sein Leben zu gestalten hat. Sie kann, insofern sie eine Beschränkung der freien geistigen Selbstbestimmung ist, allein durch nicht-geistige, d.h. unmittelbare Machtmittel durchgesetzt oder garantiert werden. Da das Gewähren von natürlichen Lebensressourcen ebenfalls eines der zentralen traditionellen, nicht-geistigen Machtmittel ist, wird klar, welch entscheidende politische Bedeutung die fortschreitende zivilisatorische Etablierung der größtmöglichen materiellen Unabhängigkeit, d.h. der Subsistenz mit modernsten Mitteln, für die politische Stellung des Individuums hat. Aber es gilt, daß die Entmachtung der unmittelbaren Gewalt zuerst ein geistiger Prozeß ist, der nicht zuletzt den Glauben an die kollektive Macht bei den Menschen erschüttern muß, und erst dann die materiellen Lebensumstände betreffen und verändern kann. Deshalb ist es kein substantielles Problem für den apostrophierten Paradigmenwechsel, daß viele, die sich für den Schritt zur Existenz als politische Menschen jenseits der politischen Kollektivität entscheiden, zuerst noch der materiellen Selbständigkeit und Subsistenz vorgreifen müssen, weil die Gegebenheiten dafür noch nicht verfügbar sind.

55. Es geht bei einem Projekt zur Etablierung der Politik der Geistigen Freiheit nicht um das Abschaffen des Privateigentums an Produktionsmitteln, schon gar nicht um das Abschaffen von Gesetzen. Es geht um deren Entmachtung als Mittel der Kollektive und Systeme sowie um ihre differenzierende Einbindung in eine Welt der Individuen. Das entscheidende Mittel dafür ist die moderne Institution, die unter Aufsicht rational begrenzte Aufgaben wahrnimmt und dafür von den Individuen die Mittel und aus deren Reihen das Personal - dabei Individuen bleibend - bekommt. Es geht um das Einsetzen des einzelnen Menschen als zentrale politische Machtinstanz der zukünftigen Welt, dem die verbleibenden Formen kollektiven Lebens untergeordnet und nützlich gemacht werden, der dadurch aber auch mehr Verantwortung für die Regeln individueller Koexistenz trägt.
Die Veränderung der Gesellschaft und der Menschen im Sinne der Geistigen Freiheit soll durch einen komplexen, anspruchsvollen Zivilisationsprozeß geschehen, der von dem alle Menschen verbindenden Weltereignis auf den Punkt gebracht, symbolisiert und mit Autorität ausgestattet wird. An sich findet dieser Prozeß schon während der gesamten Neuzeit statt und seine Wurzeln reichen wenigstens bis zum Beginn der bekannten Geschichte zurück. Heute stecken wir mitten in seiner heißesten Phase dieses Prozesses.

56. Scheinbar ist es eine übermenschliche Anstrengung oder eine quasi göttliche gesellschaftliche Rolle, die nötig ist, um einen Umschwung, einen Änderung der geschichtlichen Dimension dieses kulturell-politischen Paradigmenwechsels von der Kollektivität zur Individualität herbeizuführen. Und wenn man das gnadenlos egozentrische Verhalten der bestehenden Kollektive (oder bestimmter Eliten) betrachtet, dann wird einem eher Angst und Bang, als daß man Hoffnung schöpft für einen politischen Zivilisationsfortschritt, wie er in dem Programm vorgestellt wird und in diesem Pamphlet beschworen wird.
Aber bei offener Betrachtung der Entwicklung der Welt kann nicht übersehen werden, daß Individuen und subjektiv bestimmte Werte eine immer größere Rolle in der Weltgesellschaft spielen. Gerade jene gnadenlose Egozentrik, mit der die modernen Wirtschaftssubjekt (Konzerne) mit beinahe allen Mitteln ihre Interessen durchsetzen, spricht eher für einen Siegeszug der Individualität als für das Gegenteil (und macht die virulente Gefährlichkeit dieser Wirtschaftssubjekte aus). Einzig große weltweite Katastrophen, seien es natürliche, seien es humanogene, könnten es möglich machen, daß sich wirklich neue, strikt allgemeine Kollektivregimes auf der Erde etablieren würden.
Zwar ist es richtig, daß selbst die "freien" Menschen, die einzelnen Individuen in den westlichen Industrienationen immer noch sehr stark gegängelt, bevormundet, ja teilweise entmündigt werden von den Trendsettern der Medien und der Kulturindustrie, vom kapitalistischen Marketinggebaren. Mit subtilsten und unter hohem Aufwand erforschten Methoden wird an die niederen Instinkte und Gefühle der Menschen appelliert - ohne daß diese sich darüber Rechenschaft ablegen können. Aber es herrscht dabei auch so etwas wie ein Wettlauf, weil die Menschen jede Masche irgendwann durchschauen. Wenn ein menschlicher Verhaltensmechanismus erforscht und rational beschrieben wurde und sei es als Verschlußwissen der Marketingabteilung eines großen Konzerns, so wird diese Strategie irgendwann das allgemeine Bewußtsein der Menschen erreichen und ein Stück weit aufklären - und sei es erst in der nächsten Generation.
Auf lange Sicht wird die Weltgesellschaft von der Außensteuerung der Menschen auf die Innensteuerung umstellen müssen, ein Prozeß, der in den fortgeschrittenen Ländern schon weit gediehen ist und der mehrere Generationen dauert. Zivilität und Selbstbestimmung muß von Kindheit an erlernt werden - gerade auch, wenn sie als soziales Verhalten funktionieren soll!

57. Die Menschheit ist die Herrscherin der Erde - wer könnte daran zweifeln. Sie ist es eigentlich schon seit 10 000 Jahren, seit sie seßhaft geworden ist und begonnen hat, Ackerbau und Viehzucht (und Sklavenhaltung?) zubetreiben. Ein überragendes Indiz für ihre Herrschaft ist die Tatsache, daß die vermutlich sehr alte Angewohnheit, sich gruppenweise gegenseitig zu überfallen, zu massakrieren oder zu versklaven, in den großen Epen ihrer Dichter in den Bildern des Kampfes und des heldenhaften Kriegers zur Hochkultur stilisiert hat. Selbst wenn das Kriegerische (die Aggression) dem (männlichen) Menschen im Blute liegen sollte, vielleicht weil es im Überlebenskampf gegen wilde Tiere durch früherer Jahrhunderttausende hindurch eine unabdingbare Eigenschaft war, selbst dann zeugt der aufwendige Kampf oder Krieg der Stämme und Völker, der Städte und Nationen gegeneinander davon, daß sich die Menschen als Art auf der Erde unwiderruflich etabliert haben und nur bei einer Megakatastrophe aussterben würden.

58. Die zivilisatorische Potenz der Menschheit ist heute so überragend, daß sich die aggressiven, wehrhaften Überlebensreaktionen, die genetisch teilweise in den "niederen" Gehirnen verankert sein mögen, beginnen als Hindernis für die aktuelle menschliche Überlebensfähigkeit zu erweisen. Man kann in diesem Zusammenhang den apostrophierten Paradigmenwechsel als Übergang von dem Prinzip des Überlebenskampfes zur Fähigkeit, zu leben, umformulieren. Leben - als Tätigkeit, die nicht mehr bedroht ist und nicht mehr befohlen wird - kann man nur aus eigenem inneren Antrieb.
Die Vernichtungsexzesse von Menschen an Menschen, die unserer Epoche, insbesondere dem gerade zu Ende gehenden 20. Jahrhundert der verbreitetsten Zeitrechnung für immer ein entsetzlichen Makel aufgeprägt haben und für die paradigmatisch Auschwitz stehen mag, zeugen von einer Art Überschlag der menschlichen Überlebenskampf-"Kultur". Von Moral kann und konnte in diesem Zusammenhang ja noch nie gesprochen werden, höchstens von den Tugenden des Kampfes und des Tötens der Feinde. All das und daß wir in der Notwendigkeit stehen, unsere Werte und Traditionen grundlegend zu ändern, ist nicht neu, allgemein bekannt und erfordert keinerlei Spezialistentum und Fachwissen. Den Haß, die Ressentiments und die Vorurteile muß letztlich jeder selbst bewältigen - so wichtig die Rolle der Erziehung und einer friedlichen Kultur (z.B. Sport) dabei ist.
Selbstverständlich werden Dummheit, mangelnde Bildung und Information sowie Abhängigkeiten und bekannte Reaktionsmuster der Menschen auch heute noch von Eliten zum Teil mit modernsten Marketingmethoden benutzt, um Herrschaft auszuüben und um Politik - normalerweise primitive, auf Angst beruhende, manchmal sogar noch kriegerische Politik zu machen. Um so wichtiger ist es, den Paradigmenwechsel vom Kollektiv zum Individuum als unabdingbaren Entwicklungsschritt in das weltöffentliche Bewußtsein zu bringen.

59. Als Herrscherin der Erde benötigt die Menschheit tatsächlich die ideologischen Routinen fest gefügter Gruppen nicht mehr, auch wenn diese Gruppen während der meisten Zeit ihrer Geschichte und Vorgeschichte überlebenswichtig waren. Die Stärke moderner Organisationskraft und Technologie muß, um eine auf Dauer letale Hypertrophie zu vermeiden, kompensiert werden durch eine Dekomposition dieser traditionellen kollektiven Integration. Ganz abgesehen davon, daß sich die zeitgenössischen Kollektive durch ihren Pseudo-Überlebenskampf untereinander als unfähig erweisen, Rücksicht auf allgemeine Menschheitsbelange zu nehmen, ist die Menschheit heute längst stark genug, um ihr Überleben auf die Basis des Individuums zu stellen (auch wenn noch gewaltige Anstrengungen nötig sind, damit wirklich alle Menschen individuell unabhängig werden können). Denn die Schwäche des Individuums, verglichen mit einem Konzern, einer legalen oder illegalen (verbrecherischen) Organisation oder einem Nationalstaat soll geradezu jenes gesunde Maß werden, anhand dessen sich die unvergleichlichen zivilisatorischen Potentiale unserer Epoche sinnvoll entfalten können.
Dieses Maß gilt es zu formen und auszugestalten. Die Organisiertheit und Systematik hat definitiv und endgültig eine Dienerin der individuellen Menschen zu werden - durch die neue und genügend ausgerüstete Institution des politisch selbständigen Individuums. So gesehen kann man das politische Weltereignis, welches diese neue Institution etabliert und zugleich die einzige, zeitlich befristete Gemeinschaftsinstitution der gesamten Menschheit werden soll, sowohl als Beginn wie als Ende der Neuzeit begreifen - Ende, insofern die Neuzeit eine befristete Geschichtsepoche sein wird - Beginn, insofern die Neuzeit immer noch fremd ist in ihrer eigen Zeit.

60. Gerade die Kleinheit des individuellen Denk- und Handlungsrahmen soll zudem wieder die vorausschauende "ganzheitliche" Vernunft ermöglichen, die den zeitgenössischen Kollektivsystemen abhanden gekommen scheint, die aber angesichts der weitvorausgreifenden Wirkungen heutigen Handelns unabdingbarer denn je ist.
Wohingegen der sich globalisierende, hyperdynamische Kapitalismus, der immer mehr Augenmerk auf kurze Zeiträume, auf Effizienz, auf weltweite Ausdehnung und auf nachprüfbaren Erfolg (sharehoulder value) legt, die richtige Begleitung eines großen politischen Weltereignisses sein kann, ja sich dabei als höchst hilfreich erweisen mag. 61. Die Menschen sollen ihre Identität nicht mehr primär aus der Zugehörigkeit zu einem partikularen Kollektiv, nicht mehr aus der wie immer gearteten Hierarchie innerhalb eines solchen Kollektivs schöpfen (auch nicht aus der durch Arbeit, Profession oder Geld definierten bürgerlichen Gesellschaft). Die Menschen sollen sich mittels ihrer Sprachfähigkeit und ihrer daraus resultierenden selbstbestimmten Geistigkeit selbst erkennen, bestimmen und zumindest einmal einen stabilen, unabhängigen Stand in ihrer erwachsenen Individualität erworben haben. Die Sprache und der freie Geist sind vom natürlichen, lebendigen Körper unabhängige Gegebenheiten, an denen jeder Menschen mittels seines Gehirns aktiv teilhaben kann, den entsprechenden Lern- und Bildungsprozeß vorausgesetzt.Wenn er diese Teilhabe selbstbewußt und selbstverantwortlich ausübt, dann stößt er zugleich durch den Gegensatz der transindividuellen "Ewigkeit" der Sprache zur Hinfälligkeit seines Körpers auf seine Sterblichkeit und muß diese als für sein Leben, als für seine Lebendigkeit konstitutiv verarbeiten - und sei es als subjektiv unakzeptable, wenn auch unausweichliche Tatsache. Diesen Vorgang kann man nicht anders als eine Initiation, als einen "zweiten Tod" bezeichnen im Sinne eines befristeten Austritts aus der Gesellschaft und aus den "psychoanalytischen" Primärstrukturen der sozialen Persönlichkeitsbildung.
Wenn die Menschen den Stand des modernen, individuell initiierten Erwachsenseins gewonnen haben, wenn sie das Zentrum an geistiger und körperlicher Lebendigkeit wahrgenommen haben, das sie in sich tragen, dann spricht nichts dagegen, daß sie die intensiven, gefühlsmäßigen Bande zu den lokalen Kulturen oder Gruppen, aus denen sie hervorgegangen sind, wieder aufnehmen und darin die Rolle spielen, die sie selbst wünschen und die anderen ihnen zugestehen. Desgleichen können sie dann eine Funktion in einem modernen Unternehmen oder in einer modernen Institution übernehmen, ohne sich gänzlich auf solche Funktionen reduzieren zu müssen, bzw. reduzieren zu lassen.
Entscheidend für eine zukünftige Weltkultur ist es, daß im Prinzip jede Person politischer Mensch im Sinne der geistigen und materiellen Selbständigkeit geworden ist - eine Position, die heute als solche noch nicht existent ist.

62. Die Umstellung des menschlichen Lebens vom Prinzip der Kollektivität auf das Prinzip der Individualität kann nur von Menschen durchgeführt werden, die ausdrücklich die Funktion oder die Daseinsweise des Individuums innehaben. Die Komplexität der Welt muß nicht die rezeptiven und reaktiven Fähigkeiten des Individuums übersteigen, solange sie als solche wahrgenommen und nicht nur noch erlitten wird. Aber solange wir den kollektiven Entitäten, Staaten, Organisationen, Systemen oder Unternehmen ein unabhängiges Eigenleben zugestehen, das nur als ideologisch, metaphysisch, mythisch oder zwanghaft zu bezeichnen ist, sind wir nicht Herren im eigenen Haus. Die traditionelle Macht lebt nur noch von ihrem Nimbus; müßte sie diesen bestätigen, wären ihre Kräfte bald erschöpft.
Tatsächlich gibt es keine größere lebendige Komplexität als die des einzelnen Menschen mit seiner untrennbaren Geist/Psyche/Körper-Einheit - und zwar durch die unauflösbare Heterogenität dieser Bereiche und Elemente! Alle gesellschaftliche (kollektive) Komplexität ist trotz der metaphysischen Aufladung, die ihr in der Geschichte zuteil geworden ist, demgegenüber äußerlich und primitiv. Moderne Organisationen und Systeme mögen ihre eigene strukturelle Komplexität und ihre Eigendynamik steigern. Moderne Computernetze mögen unendlich viele Verknüpfungen herstellen. Wissenschaftlich-technische Verfahren und Maschinen mögen in verschiedensten Bereichen Unvorstellbares leisten. Alle können sie aber nicht die immanente Multidimensionalität, Tiefe und Lebendigkeit des Menschen erreichen, die in einer reifen Persönlichkeit gipfelt und dessen Blüte gerade die Kehrseite seines Verfalls ist.
Was allerdings eine reife Persönlichkeit ist, dafür gibt es keine festen Vorgaben. Jeder muß sich auf den Weg machen und daß er nur eine ungewisse Ahnung hat, wohin dieser Weg führt, macht den initiatorischen Charakter des menschlichen Lebens aus. Es resultiert aus dem Umgang mit seiner unwägbaren Vielschichtigkeit. Auf diesem Weg gibt es aber Fixpunkte und auch die anderen Menschen werden uns helfen zu verstehen, wo wir stehen und wie weit wir gekommen sind. So müssen wir nicht darauf verzichten, uns Stück für Stück ein zwar offenes, aber auch relativ stabiles Selbstbild zu schaffen.
Kollektive und Kollektivprodukte reichen im besten Fall an diese Offenheit und Entwicklungsfähigkeit heran, da sie ja immer von menschlichen Persönlichkeiten gestaltet und vertreten werden. In den allermeisten Fällen sind sie jedoch metaphysische Entitäten im schlechten, weil geschlossenen, dogmatischen Sinn. Die an ihnen beteiligten Menschen werden unter Wert gehalten, wenn sie nach gängigen Kriterien auch noch so erfolgreich sind.

63. Wenn heute der Eindruck entstanden ist, daß die Komplexität und Unübersichtlichkeit der Weltgesellschaft "abhebt" und den Menschen aus der Hand gleitet, dann ist dies ein Phänomen der strukturellen Eigenständigkeit der Sprache, welche mit Hilfe der abstrakten Denk- und Bildfähigkeit unserer Gehirne ununterbrochen neue Systeme, Strukturen, Bilder hervorbringt und als Wissenschaft, Technologie oder geistige Praxis künstliche Gegenstände, Substanzen, Verfahren, Kräfte etc. erzeugt, die alle wiederum in Verbindung mit dem menschlichen Leben und Trachten ungeahnte Eigendynamiken entwickeln.
Die Sprache ist nicht der Mensch; der Mensch ist das sprachbegabte Naturwesen, das in die Notwendigkeit und die Pflicht gegenüber sich selbst gekommen ist, die Einwirkungen der Sprache und Gebrauchs auf sein gesamtes Leben sinnvoll zu verarbeiten. Letztlich kann er das nur tun, wenn er der Sprache freien, ungehemmten Auslauf bei sich zuläßt und dann so etwas wie Vernunft, um diesen alten Ausdruck zu gebrauchen, als Maß dieser geistigen Freiheit entwickelt. Die geistige Freiheit, die im Prinzip jedem Individuum zukommen soll, muß, um tatsächlich zu existieren, von der Menschheit und den Individuen erst erkämpft und erarbeitet werden. Dazu muß die Menschheit auf dem "Raumschiff" Erde die individuelle, künstliche und materiell nachhaltige Lebensgrundlage erzeugen, die ihr die Sprache (bzw. die Schrift), abstraktes Denken und technische Fertigkeiten als wesentliche Mittel ermöglichen. Denn die freie Gemeinschaft der Menschheit ist nur auf der Basis freier Individuen möglich, weshalb wir jene letztlich auf natürlich-biologische Notwendigkeiten zurückgehenden Kollektivmechanismen überwinden müssen, welche die geistig-sprachliche Entfaltung der Individuen verhindern. Dann hat jeder Mensch die reelle Chance - die richtige Anleitung in der Kindheit vorausgesetzt -, sich bewußt als je einzelne Persönlichkeit, als individuelles, lebendiges und d.h. sterbliches Dasein zu bilden - eine Zustand geistiger Offenheit, der vielleicht das ist, was Vernunft ausmacht. Damit läßt sich hoffentlich die Kreativität unserer Gehirne bändigen, was mit Zwang und Vorschrift (d.h. mit Kollektivität oder Moral) kaum vorstellbar ist.

64. Solange die geschichtlichen Kollektive oder Institutionen (Reiche, Staaten, Völker etc.), die jeweils eine für den Einzelnen unübersehbare Zahl von Menschen einschließen und die trotz aller materiellen Abhängigkeit von Territorien und Ressourcen in erster Linie geistige bzw. Sprachgeschöpfe sind, als überlebensnotwendig für die Individuen gelten, haben sie eine aus ihrer inneren Zwanghaftigkeit herrührende Starrheit, die der Dynamik der geschichtlichen Entwicklungen oft entgegensteht und zu revolutionären Brüchen führen kann. Das wird für die abhängigen Menschen höchst gefährlich und führt zu der paradoxen Situation, daß die Menschen die Katastrophen ihrer Geschichte oft selbst herbeiführen müssen.
Um dies zu verhindern, ist ein Zustand notwendig, in dem alle kollektiven Strukturen einen dem Leben der Individuen gegenüber untergeordneten Status haben, denn die Individuen sind als Schnittpunkte des geistigen Lebens mit dem unmittelbaren materiellen, körperlichen Dasein als einzige in der Lage, ständig einen flexiblen Ausgleich zwischen beiden Bereichen zu schaffen. Wenn trotzdem für das individuelle Leben praktische, sachliche gegeben Abhängigkeiten von einzelnen kollektiven Strukturen existieren, die nicht ohne weiteres aufzuheben sind, dann müssen diese in den Rahmen einer eingegrenzten, professionell verwalteten und fortentwickelten, sowie demokratisch kontrollierten Zweckrationalität, bzw. Institutionalität eingebunden sein. Nur so stehen überindividuelle Zusammenhänge den Dynamiken des freien, individuellen Geistes nicht entgegen und werden zugleich dem langsamen biologischen Körper der Menschen so gut wie möglich angepasst.
Anders gesagt, die neu zu begründende Institution des politisch selbständigen Menschen, die die zukünftige Leitinstitution werden soll, wird als erste Institution die Beweglichkeit aufweisen, die unserer geistigen und körperlichen Dynamik entspricht.

65. Eine der wesentlichen Ursachen für kollektive Gewalt, an der die Geschichte so reich ist, liegt womöglich in der Erstarrung kollektiv-politischer Zustände, die durch die Kettung der das Leben beherrschenden überindividuellen Gegebenheiten an ebenso kollektiv festgelegte geistig-sprachliche Ideologien und Gesetze entstanden ist. Persönliche, individuelle Gründe für Gewalt und Zerstörung finden sich immer. Ihre Realisierung unterbleibt aber in den meisten Fällen, bzw. nimmt weniger gewalttätige Formen an - zumindest ist dies in den zivilisierten neuzeitlichen Gesellschaften der Fall. (Das war nicht immer so, wenn man z.B. an die schwierigen Bemühungen um einen Landfrieden im europäischen Mittelalter denkt oder an die Zivilisierung des "Wilden Westens". Und noch heute steht dieser schwierige Weg mancher Region noch oder wieder bevor.) Oft sind es erst kollektive Vorgänge, wie z.B. Kriege, die zu einer Entfesselung des Gewaltpotentials ansonsten friedlicher Bürger führen. Gerade jetzt, da kriegerische Gewalt sowohl aus Eroberungsgründen - die Erde ist im traditionellen Machtverständnis aufgeteilt -, als auch aus Gründen, die aus der Ungeeignetheit moderner Waffensysteme zu einem Krieg um Sieg oder Niederlage herrühren, als obsolet erscheint, muß sich dieser einmaligen historischen Chance die Dynamisierung oder "Verflüssigung" der Zivilisation zugesellen. Denn erst dadurch wird die kulturelle Funktion der kollektiven Gewalt überflüssig gemacht. Dies ist aber nur möglich, wenn sich die globale Kultur auf individuelle Unabhängigkeit und Selbstgestaltung stellt, in dem hier geschilderten umfassenden Sinn, der in Ergänzung der schon existierenden zivilisatorischen Errungenschaften auf den beiden innovativen Institutionen Weltereignis und individuelle politische Unabhängigkeit, auf einer fortschreitenden materiellen Subsistenz im Rahmen der Möglichkeiten und auf dem ausdrücklichen Schritt zu einer unabhängigen Persönlichkeit mittels Selbsterfahrung und Initiation beruht.

66. Die Entkopplung oder Entflechtung der materiellen Bedingungen menschlichen Lebens von dem geistig-sprachlichen Dasein des Menschen ist keinenfalls als die totale Trennung der beiden Bereich mißzuverstehen. Dies bedeutet allein die Individualisierung, d.h. die Unterordnung der sog. Lebensnotwendigkeiten unter das Primat des Individuums. Erst wenn das Individuum sowohl materiell wie geistig frei ist, erst dann gibt es keine ideologischen Zwangsverbindungen mehr zwischen materiellen Strukturen und geistigen Dynamiken, durch welche sich die traditionellen ganzheitlichen Kollektive auszeichneten und die einen Teil ihrer immer wiederkehrende Unstabilität und Zerstörungssehnsucht ausmachte. Erst dann ist auch die Gesellschaft frei (autonom). Andererseits zerstört das Primat des Individuums nicht etwa lokale kulturelle Traditionen, sondern im Gegenteil schützt sie geradezu vor der gleichmachenden Welteinheitskultur (McWorld)! Bei diesem großen Ziel geht es nie um perfekte Lösungen, sondern darum, der zukünftigen Entwicklung unserer großen Zivilisation eine sinnvolle Richtung zu etablieren - ganz im Sinne und in Fortführung dessen, was sich in der Neuzeit an neuer politischer Kultur entwickelt hat und was noch viel stärker aus der Vermischung mit den politischen Traditionen der vorherigen Geschichte herausgearbeitet werden muß. Denn diese Vermischung von modernem Handlungspotential und traditioneller kollektiver Machtpolitik birgt immer wieder tödliche Gefahren.

67. Das Problem der Bewältigung der materiellen Lebensnotwendigkeiten über alle lokalen Unterschiede hinweg weltweit allgemein zu fassen und angehen zu wollen hat etwas sehr künstliches oder willkürliches. Aber zum einen geschieht dies als technisch-wirtschaftliche Globalisierung in sich beschleunigenden Schritten schon während der ganzen Neuzeit, heute allerdings in der effektivsten und rigidesten Form, die noch einmal die ganze Zwiespältigkeit der abendländisch dominierten Neuzeit zeigt, eben jene Verbindung von Brutalität und menschenverachtenden Härte mit dem Aufbau einer zivilisierten, verkehrs-, austausch- und kommunikationsfähigen globalen Kultur.
Die aktuelle wirtschaftliche Globalisierung an sich, der Kapitalismus in seiner höchsten Potenz, ist jedoch entgegen dem Mythos des freien Marktes zu wenig auf individuelle Freiheit bezogen, weil er noch zu system- und machtabhängig ist. Um zu einem positiven Beitrag zur Weltkultur zu reifen, muß der Kapitalismus daher durch die Institution individueller politischer Selbständigkeit ergänzt werden. Damit soll ihm als materieller Beflügelung der Weltzivilisation keineswegs ein Ende gesetzt werden, sondern gerade sein Bestes zum Tragen gebracht werden!
Nur die weitgehend künstliche Bewältigung des materiellen menschlichen Lebens (was schon als Begriff ein Kreislaufsystem der Ressourcen bedeutet) kann dazu führen, daß diese festen körperlichen Strukturen der geistigen Offenheit und Unbegrenztheit der Sprache gerecht werden. Dies erscheint mittlerweile zugleich als Bedingung dafür, daß die Menschen als Naturwesen (als Kreaturen) auf dem Planeten Erde tatsächlich lebensfähig bleiben. Die geistige Freiheit als Motor der Verkünstlichung des materiellen Lebens stellt sich letztlich nicht mehr als Hinderungsgrund des Überlebens dar, sondern geradezu als seine Bedingung - im Gegensatz zu dem Hybridzustand, der im Moment noch herrscht. Diese neue Strategie läßt sich auch als Abschied vom Überlebenskampf und als "zu leben" lernen bezeichnen.

68. Nicht zuletzt deshalb ist die fortschreitende materielle Unabhängigkeit des Individuums von entscheidender Bedeutung, um die Gefahren eines Zusammenbruchs einzelner Systeme zu minimieren, anders gesagt, um die Fehlerfreundlichkeit unserer Zivilisation zu erhöhen. Im Falle des Weltfinanzsystems, bzw. seines Zusammenbruchs würde durch lokale Subsistenz nicht nur die Verarmung ganzer Bevölkerungsschichten verhindert werden. Auch das System selbst würde erst dadurch wirklich frei und könnte sich allein nach Kriterien seiner Effizienz entwickeln, jedoch auch Krisen über sich ergehen lassen und daraus zu lernen, ohne allzu katastrophale Nebenwirkungen zu erzeugen.
Mit dieser Selbständigkeit werden die Systeme aber auch in der Lage sein, in einer Welt der aufgeklärten, selbstbewußten Konsumenten und Nutzer die besten Resultate für die Menschen zu erzielen.

69. Der Kontakt der Menschen zu ihresgleichen kann (und soll) sicher nie von der engen unmittelbaren Gebundenheiten befreit werden, die sein Wesen ausmacht (man denke an die Unabdingbarkeit von Pflicht- und Verantwortungsgefühlen aber auch von Überwältigung und Gewalt in Lust- und/oder Liebesverhältnissen und ihre Bedeutung für die menschliche Entwicklung). Im Gefolge der gesellschaftlichen Entkopplung können die Individuen die materiellen und geistig-kulturellen Lebenselemente zum Zwecke ihres zwischenmenschlichen Kontaktes fortschreitend selbst gestalten - zusammen mit ihren Mitmenschen. Daß der "common sense", die Frage, was sich schickt, dabei weiterhin eine wesentliche und hoffentlich geläuterte Rolle spielen wird, daß es Regeln gibt, die sich auch auf eine Garantie durch eigens dafür eingerichtete und darauf beschränkte, aber mit Sanktionsgewalt versehene Institutionen stützen, widerspricht nicht der Freiheit und Selbstgestaltung des individuellen Lebens, sondern macht es als Mitleben mit anderen unter der Bedingung der Freiheit überhaupt erst möglich. Was eliminiert werden soll, ist auch nicht die Kollektivität an sich - das Weltereignis wird gerade die höchste Form menschlicher Kollektivität oder Gemeinschaftlichkeit sein -, sondern nur die auf gesellschaftlicher Gewalt beruhende Kollektivität traditionellen Ursprungs. Die positive Kollektivität ist im Gegensatz dazu ein Phänomen der Sprache selbst und kann über die lokalen Verbindungen hinaus nur global existieren, indem es alle sprachbegabten Lebewesen umfasst.
Man muß immer im Auge behalten, daß moderne demokratische Gesellschaften bis zu einem gewissen Grad schon nach diesen Prinzipien der Politik der Geistigen Freiheit funktionieren. Unser Pamphlet will nur eine grundlegende und ergänzende politische Form vorstellen, die die wesentlichen Elemente der auf der Sprache basierenden allgemeinen Kollektivität - z.B. die Gleichheit vor dem Gesetz oder die Menschenrechte - von deren Ursprungszufälligkeiten (der abendländischen Tradition) unabhängig macht, sie generalisiert und dadurch befähigt, eine freie politische Weltordnung zu ermöglichen. Dies auch, um endlich die Gewalt- und Bevormundungsaspekte des europäischen Kolonialismus, dessen (hoffentlich) letzte Phase die wirtschaftliche Globalisierung sein wird, aufzuheben.

70. Die Kinder werden im Rahmen einer dem Ziel der politischen Selbständigkeit dienenden Erziehung den Gebrauch der Freiheit lernen müssen, am meisten durch das unmittelbare Beispiel der Erwachsenen, wofür eine enge emotionale Bindung zwischen beiden wichtig ist. Diesen Entwicklungsprozeß vom reinen Naturwesen (von der Zelle oder dem Foetus) zum selbständigen, erwachsenen Menschen kennen schon die meisten Menschen und haben sie am eigenen Leib erfahren - zumindest wenn sie das Glück hatten, in Freiheit, bei nicht allzu neurotischen Eltern, Pflegeeltern oder in anderen angemessenen Lebensformen aufzuwachsenund dabei wenigstens bescheidenen Wohlstand und die Bildung zu erwachsenen Persönlichkeiten zu genießen. Daß dieses "Glück" möglichst allen Menschen zukommen muß, dazu gibt es wohl keine ernstzunehmende Alternative - es sei denn, jemand qualifiziert sich freiwillig als Skalvenhalter, der andere Menschen in einem primitiven Stand lassen möchte. Diese Globalisierung der Freiheits- oder Bürgergesellschaft benötigt als notwendige, wenn auch noch nicht hinreichende Voraussetzung den hier apostrophierten Paradigmenwechsel vom Kollektiv, welches der Orientierungsmaßstab vergangener Zeiten war, zum Individuum als der Basis zukünftigen, materiellen und geistigen menschlichen Lebens auf der Erde. Hinreichend wird der Paradigmenwechsel, wenn er durch eine erlernte und bewältigte Freiheit, d.h. durch die kulturelle und die materielle Selbständigkeit der Individuen ergänzt wird.

71. Wenn der Mensch denkt und spricht, dann befindet er sich im Bereich neokortikaler Aktivität, d.h., er benutzt seinen Neokortex. Individuelle politische Selbständigkeit wird er nur unter Ausbildung und Benutzung dieser seiner Fähigkeit erlangen.
Aber das menschliche Leben ist immer beides, natürlich (im Sinne von unmittelbar körperlich und seelisch) und kulturell (auf Sprache begründet), meist gleichzeitig und schwer zu differenzieren. Und so wie der Mensch die Sprache nur im sozialen Kontext lernt, so muß er auch den disziplinierten Umgang mit den Dynamiken und Antrieben aus seinem ganzen sonstigen körperlichen und seelischen Dasein erlernen, nicht nur um gesellschaftsfähig zu werden (man bildet sich selbst als Individuum vor allem durch die Spiegelung in anderen Individuen), sondern eben auch um zu einem selbständigen Gebrauch seines Geistes und damit zum politischen Menschensein befähigt zu sein.

72. Der zivilisatorische Zustand der menschlichen Kultur hat die Phase des puren Überlebenskampfes spätestens heute definitiv überwunden, auch wenn vielzuviel Menschen grotesker Weise davon noch nichts merken (2 Millarden Menschen leben von weniger als zwei Dollar pro Tag, sagt Ted Turner). Und sie wird sich mit ihrer überbordenden Kraft eher selbst töten, als aufgrund von Naturunbill als Gesamtes unterzugehen (wenn man von Katastrophen kosmischen Ausmaßes absieht). Deshalb hat diese Kultur die verdammte Pflicht, jedem Individuum die Möglichkeit zugänglich zu machen, selbstbestimmt außerhalb des Zustands der Knappheit an wesentlichen Gütern des täglichen Lebens zu leben. Dieses Zugänglichmachen ist keinesfalls als Aufgabe einer bestimmten Elite zu verstehen, z.B. der Verwaltung und Regierung eines Wohlfahrtsstaates. Es ist zuerst und vor allem Aufgabe und Ausdruck des gesamtmenschlichen Wollens, das sich dafür einen konkreten Ausdruck suchen muß. Solange für eine Mehrheit von Menschen ihre jeweiligen Kollektive wichtiger sind als die Menschen auf der Welt, solange sie ihre Regierungen nicht zu reinen und ausschließlichen Dienstleistern des jeweiligen lokalen Allgemeinwohls mit konsequenter Beschränkung ihrer Funktionen herabgewürdigt haben, solange die Menschen nicht den Anspruch entwickeln, ihr Leben nach dem jeweils technisch und wirtschaftlich bestmöglichen Stand selbst zu gestalten, anstatt mit diesem Fortschritt die Macht überholter Kollektivstrukturen zu verlängern, vergrößern und sich in Abhängigkeit - und sei sie noch so versüßt - von ihnen zu halten, solange werden diese Strukturen, diese Regierungen, diese Kollektivsysteme in ihrer unzeitgemäßen Überbedeutung erhalten bleiben. Das Problem ist nicht anders als mit Freiheit zu lösen. Und Freiheit kann erst dann globale Wirklichkeit werden, wenn sich die Menschen weltweit zu ihr entschließen. Die Perspektiven und realen Möglichkeiten zur Freiheit aufzuzeigen, weltweit und allen Menschen, das ist vielleicht zuerst die Aufgabe weniger Menschen. Diese wenigen sind aber keine Elite im klassischen Sinn, sondern müssen sich vor allem anderen als freie Individuen im allgemeinsten Sinne verstehen.

73. Es ist grotesk, daß es gerade die generelle Infragestellung des Wohlfahrtsstaates das derzeit prominentesten öffentlichen Thema einer Entmachtung und Deregulierung bestehender Kollektivstrukturen ist, wenn man daran denkt, wofür ansonsten öffentliche Gelder bereitgestellt werden müssen (z.B. für Rüstungsgüter, Subventionen, Schuldentilgung, Alimentation von Eliten). Falsche Wohlfahrt mag die Menschen in Abhängigkeitsverhältnissen festsetzen wie nicht zuletzt die Entwicklungshilfe problematik aufzeigt, falsche Wohlfahrt mag sie zu unfreiwilliger Unehrlichkeit und zu Betrug verleiten. Richtige Wohlfahrt jedoch, öffentlich finanziert und/oder privat finanziert, die vor allem Erziehung, Bildung und Ausbildung ermöglicht, ist essentiell zur Weiterentwicklung einer zivilen Weltgesellschaft, insbesondere unter den Bedingungen der fehlenden Mittel für eine moderne, die Individuen entlastende Subsistenzform, d.h. dem augenblicklich noch vorherrschenden Stand materieller Existenz, der eben nur einem Teil der Weltbevölkerung die Möglichkeit zu Wohlstand eröffnet. Worauf sollte die zivile Weltgesellschaft denn beruhen, wenn nicht auf gebildeten, selbständig tätigen Menschen?!

74. Daß die materielle und geistige Selbstbestimmung der Individuen, daß das politische Menschsein - wie es hier genannt wird - ein sinnvolles, ein notwendiges und ein schon längst mögliches Ziel ist und daß die gesamtkulturelle Entwicklung der Menschheit schnellstmöglich in diese Richtung zu gehen hat, muß ein Gemeinplatz im Denken aller Menschen werden.

75. Macht ist zum wesentlichen immer geborgte Macht. Keine Herrschaft kann mit pausenlosem unmittelbaren Zwang funktionieren; sie braucht die Ordnung auf der Basis der freiwilligen Teilnahme der Menschen. Letztere ist traditionell leider oft mit Bestechung und der Erzeugung von Angst erkauft, was schon bei der entsprechenden Erziehung der Kinder zu Untertanen beginnt. Die Menschheit, die seit ca. 100 Jahren mittels der elektronischen Datenübertragung ein weltöffentliches Gemeinschaftsbewußtsein entwickelt, hat die Pflicht, die Macht von den bestehenden Eliten weg zu nehmen, weil eine elitäre Weltordnung und die Repräsentation des Ganzen der Menschheit durch wenige friedlich nicht möglich ist. Diesen Prozeß der Machtübernahme, den man als Ergebnis und Endpunkt der modernen neuzeitlichen Revolutionen bezeichnen könnte, bedeutet die Veränderung der Macht, die ihren unmittelbaren, materiellen Impetus (die kollektive Gewalt als Ordnungsprinzip) verliert und mit beiden Beinen auf die mittelbare, geistige Seite wechselt, auf der sie seit geschichtlichen Zeiten oft schon mit einem Bein (als Ideologie) gestanden hat. Wohlgemerkt, diese Veränderungen sind aus der Perspektive der Kollektivgeschichte geschildert - der Geschichte im klasssischen Verstand.
Im individuellen Leben, zwischen den einzelnen Personen wird es immer das Phänomen der unmittelbaren materiellen Macht und des körperlichen Zwangs des Stärkeren geben. Deshalb und dafür werden die zivilisierenden und regelgarantierenden Institutionen wie z.B. Recht, Polizei und Justiz immer ihre schützende und schlichtende Rolle spielen müssen, aber eben nicht im Auftrag eines Kollektivs, sondern allein zur Unterstützung des sich selbstentfaltenden individuellen Lebens - im Auftrag des Individuums! (Aus dieser für die Zukunft entscheidenden Perspektive spricht alles für einen zwar effektiven, aber humanen, wenn möglich sogar komfortablen Justizvollzug.) Hauptsächlich geht es aber um die Übernahme der Macht durch das Individuum, durch den einzelnen Menschen.

76. Daß zu dem Prozeß der individuelle Machtübernahme parallel oder als Voraussetzung die individuelle Emanzipation im umfassenden Sinne gehört, zeigen die schwierigen und oft negativen Erfahrung der neuzeitlichen Revolutions- und Befreiungsakte. Aus diesem Grunde ist dieser Prozeß auch nur dann sinnvoll vorstellbar, wenn er lokal und von jedem selbst - quasi von unten - bewerkstelligt wird. Das Weltereignis, aber auch die wachsende Zahl politischer Menschen in diesem Sinn soll den "schwachen" Einzelnen die Autorität und die Kraft geben, sich gegenüber den Eliten durchzusetzen. Auf der Ebene dieses Pamphlets, das eher auf der allgemeinen Ebene einer Verfassung angesiedelt ist, kann der Prozeß der unzähligen individuellen Machtübernahmen nicht im voraus konkret dargelegt werden. Deshalb haben diese Formulierungen immer etwas Unspezifisches.
Die Freiheit des Individuums muß in einer Art Differenzierungsarbeit aus den bestehenden Machtstrukturen und Bürokratien - d.h. gegenüber ihren Vertretern - gleichsam herausgemeißelt werden, dabei die kollektive Herrschaft überwindend und die notwendige Regeln und Traditionen individueller Koexistenz etablierend und/oder bestätigend. Menschliche Befreiung ist immer auch neue Anpassung - auf neuem Niveau! Daß dieser Vorgang in den demokratischen zivilen Gesellschaften leichter möglich ist als in noch bestehenden Diktaturen, versteht sich von selbst - schließlich macht Märtyrertum in diesem Zusammenhang überhaupt keinen Sinn! Eine weltöffentliche Diskussion womöglich maßstabsetzender Fälle solchen Verfahrens (z.B. im Internet) wird deshalb von entscheidender Bedeutung sein, sei es um Druck auf nicht weichen wollende Eliten und Oligarchien auszuüben, sei es um die Notwendigkeit von Friedlichkeit und Gewaltlosigkeit für ein allgemeines Niveau individueller Freiheit zu dokumentieren.

77. Als hinreichende, wenn auch nicht notwendige Bedingung für Armut und soziales Elend kann man die Binnendifferenzierung von Gesellschaften betrachten - d.h. das Phänomen, daß sich die Identität einer Person, einer sozialen Gruppe oder einer Klasse aus der Abgrenzung zu den anderen Personen oder Gruppen speist. Diese strukturelle, Inferiorität erzeugende Wirkung soll durch die individuelle Institution, die eine freie geistige Abgrenzung und Identität des Einzelnen durch die Initiation erforderlich macht, im Prinzip aufgehoben werden. Dabei geht es mitnichten um die Einebnung von Unterschieden - ganz im Gegenteil -, die Individualisierung wird erst die tatsächlichen Unterschiedlichkeiten der Menschen zum tragen bringen, wohingegen das Modell der sozialen Abgrenzung auf kollektiven Regularien und Mechanismen beruht und starken Konformitätsdruck ausübt. 78. Die (moderne) arbeitsteilige Gesellschaft, die (moderne) Geldwirtschaft etc, all diese Errungenschaften sind unabdingbar für den weiteren Fortschritt der Zivilisation. Dieser Fortschritt wird aber nur dann zu keinen neuen menschlichen Katastrophen führen, derart, wie sie das 20. Jahrhundert schlimmer denn je erlebt hat, wenn er rigoros entkollektiviert wird. Ein entscheidender Bestandteil dieser Entkollektivierung ist die ständig zu steigernde individuelle Verfügungsgewalt über Mittel zur materiellen und kulturellen Selbständigkeit, die lokal, subsistenzorientiert und in nachhaltigen Kreislaufsystemen organisiert sind. Diese Mittel sollen jeweils den technologisch und gesellschaftlich avanciertesten Charakter haben (high-tech self-providing) und den Nimbus höchster Modernität und "Angesagtheit" genießen. Sie sollen und können nur durch die spezialisierte kapitalistische Wirtschaft zu Stande gebracht werden und nur als Massenprodukte einen für immer mehr Menschen erschwinglichen Preis haben. Die Hürde, die die Weltzivilisation zu überwinden hat, ist das Wohlergehen der Milliarden von Menschen, die nach wie vor unter dem Existenzminimum leben und schutzlos unerträglichen Härten ausgesetzt sind. Im Rahmen der jetzigen Gesellschaft leben ja schon viele Menschen materiell selbständig, indem sie ihr Geld verdienen und davon ihren Lebensunterhalt bestreiten. Die in unserem politischen Projekt postulierte lokale Selbständigkeit soll die existierenden Formen auf Geld basierender Selbstständigkeit nicht etwa ersetzen, sondern kontinuierlich ergänzen, um eben die materiellen Strukturen menschlichen Lebens zu entflechten - mit dem Ziel einer individualisierten, entkollektivierten menschlichen Weltgesellschaft.

79. Die Gründe der Menschen, zu arbeiten und einen Beruf zu erwerben, sind vielfältigster Natur und nicht auf den puren Überlebenszweck zu reduzieren - auch wenn es umfassende Möglichkeiten für eine lokale Subsistenz gibt. Auch in Zukunft wird Luxus viel Geld kosten. Jeder Mensch muß zudem wenigstens soviel Geld verdienen, daß er sich die Mittel zur Selbsterhaltung erwerben kann. Ausgehend vom jetzigen Zustand großer Armut, in dem sich noch immer ein Großteil der Menschen auf der Erde befindet, sollte sich die Einführung dieser neuen Möglichkeiten der Existenz so schnell wie irgend möglich ereignen, damit immer mehr Menschen ihre materiellen Notwendigkeiten endlich selbst und vor Ort bewältigen können, was die Voraussetzung dafür, daß das zivilisatorische Niveau überall auf der Welt steigen kann.
Über alle diesbezüglich notwendigen technologischen Innovationen (z.B. die Wasserbeschaffung in Trockenregionen betreffend, um nur ein winziges Detail anzusprechen) hinaus ist der geistige, bildungsgestützte Emanzipationsprozeß, die Entstehung eines allgemeinen Bildes oder Beispiels des politischen Menschseins als Grund und Basis für die materielle Autarkie das unverzichtbare, das vorgängige Moment.

80. Die Institution des politisch selbständigen Individuums in die Welt zu setzen mittels eines neu - quasi aus dem Nichts - zu schaffenden politischen Weltereignisses und ein Beispiel des politische Menschsein zu geben ist das Ziel, zu dem auch dieses Pamphlets beitragen soll und das deshalb als Ausdruck politischen Handelns zu verstehen ist. Zur Durchführung des Weltereignisses soll eine konsequent professionell arbeitende, kommerzielle Organisation gegründet werden, die ihr Ziel unter Einsatz aller verfügbaren modernen Mittel in größtmöglicher Offenheit und Transparenz erreichen soll. Mit dem Ende des Weltereignisses wird diese Organisation aufgelöst, denn eine Gemeinschaft der Menschheit soll keine feste, bürokratische Struktur erhalten.
Auch wenn ein derartiges Weltereignis noch nicht mal als Idee in der Öffentlichkeit existiert, sind doch fast alle seine Bestandteile, wie finanzielle Mittel, Verkehrstechnologien, Informationstechnologien, Weltöffentlichkeit, Organisationskompetenz etc. in unserer heutigen Weltzivilisation vorhanden. Sie müssen jetzt noch sinnvoll zusammengefügt werden. Das Ganze ist mehr als seine Teile. 81. Die aus dem hier skizzierten Projekt resultierende Souveränität des Individuums kann mit der durchaus relativen, pragmatischen und häufig eingeschränkten Souveränität zeitgenössischer Staaten verglichen werden. Auch unter ihnen gibt es große und mächtige, kleinere und schwächere oder gar hilflose Vertreter. Alle sind sie mehr oder weniger voneinander abhängig und sind bisweilen solidarisch ihren befreundeten Staaten gegenüber. Sie haben Ansprüche aneinander und manchmal bestrafen sie Übeltäter aus den eigenen Reihen durch Sanktionen oder kriegerische Unterwerfung.
Aber für den modernen Menschen ist es auf Dauer nicht akzeptabel, die politische Subjektivität an die Staaten oder welche Kollektiventitäten auch immer zu delegieren, nicht zuletzt, da deren autoritäre oder militaristische Vergangenheit noch zu präsent ist. Die Subjektivität muß auch als politische endlich beim individuellen modernen Menschen ankommen!

82. Die Erosion staatlicher politischer Ordnungsmacht, die derzeit zu beobachten ist, sei es als Zusammenbrechen ganzer Staaten in Afrika, sei es als finanzielle Krisen der öffentlichen Hände in den Industriestaaten durch die Verminderung der Steuereinnahmen oder als Verlust des Gewaltmonopols in bestimmten Zonen großer Metropolen (z.B. in den Banlieus von Paris) sollte weniger als eine Machtübernahme von Tribalismus und Straßengangs einerseits oder als schiere Dominanz der globalisierten Wirtschaft über die Politik andererseits begriffen werden. Diese Erosion wird viel besser verständlich, wenn sie dem Zustand des Interregnums zugerechnet wird, in dem wir uns nach dem Ende der Aufteilung der Welt in zwei Quasi-Reiche im Kalten Krieg immer noch befinden.
Jener geläufige Diskurs über das bevorstehende Ende des Nationalstaats wird falsch geführt. Richtig ist, daß der Nationalstaat als Weltordnungsprinzip schon längst abgedankt hat, seit 1945, seit 1939?! Richtig ist auch, daß der nationale Rechtsstaat als moderne Institution nach wie vor viele Aufgaben übernimmt und darin nicht zu ersetzen ist! Auch die Hegemonialmächte des Kalten Krieges verwendeten traditions- und sachgemäß die staatliche Organisationsform. Ruhe in die politische Entwicklung der Welt wird aber erst wieder einkehren können, wenn eine neue stabile globale politische Ordnung gefunden worden ist. Diese Ordnung wird nicht mehr primär auf dem Nationalstaat beruhen können. Wenn sie sich jedoch erst mal etabliert hat, dann wird sich auch abklären lassen, welche Funktionen und Bedeutungen beim Nationalstaat sinnvollerweise verbleiben und welche nicht.
Diese neue politische Weltordnung, man wird es sich denken können gegen Schluß diese Pamphlets, muß mit geistiger Freiheit, dem Individuum und neuen die Moderne entscheidend ergänzenden Institutionen zu tun haben.

83. Wir gehen davon aus, daß der letzte wirklich stabile politische Zustand auf der Erde zur der Zeit geherrscht hat, als die Menschen in kleinen Jäger- und Sammlergruppen lebten, also vor der sog. neolithische Revolution (vor etwa zehntausend Jahren). Diese Gesellschaften waren durchaus schon differenziert, wie wir aus den anthropologischen und ethnologischen Erkundungen der noch in unserer Zeit lebenden Jäger- und Sammlergesellschaften wissen. Sie lebten trotz kleiner Fehden eher friedlich, hatten kaum Eigentum und ihre Regeln waren locker, egalitär und anarchisch - vorausgesetzt, ihre Lebensbedingungen waren nicht zu hart und sie waren nicht degeneriert. Sie haben sich in der Form kleiner, nomadisierender und verwandtschaftlich gebildeter Gruppen über viele Jahrzehntausende etabliert und stellen somit trotz ihres vergleichsweise niedrigen technologischen Entwicklungsstandes eine viel tiefere und stabilere Form menschlicher Gesellschaft dar, als alles, was danach, während der letzten zehntausend Jahre hervorgebracht worden ist. Und wenn es mehr auf Raub und Gewalt gesonnene Gruppen unter ihnen gegeben hat, dann konnten diese niemals jene Formen der Unterdrückung und Zerstörung produzieren, die in den Zeiten der Seßhaftigkeit bis in unsere Tage immer wieder stattgefunden haben - wie unser Jahrhundert gezeigt hat, mit im Umfang der Negativität und Entsetzlichkeit nach oben offen Ende. In dieser, der seßhaften Periode des menschlichen Daeins, vor allem jedoch seit Erfindung der Schrift ist das politische Leben in eine nicht enden wollende Kette von Umbrüchen und Innovationen geraten. Eine politische Neubildung folgte auf die andere, ein Reich, eine Herrschaft, ein Regelsystem nach dem anderen wurde errichtet, erobert, geschaffen und ist wieder untergegangen. Zweifelsohne war es eine gigantische Zeit, in der sich die Menschen in jeder Hinsicht - nicht nur im Schlechten, sondern auch im Guten, in ihren Verbrechen wie in ihren großartigen Leistungen - ins Maßlose steigerten.
Die Entwicklungen und Innovationen gingen gemessen am einzelnen Menschenleben über die letzten Jahrtausende hinweg immer noch sehr langsam vor sich. Jetzt, in der Neuzeit jedoch explodierte der Veränderungsprozeß. Heute muß eine Generation mehr an Neuem verdauen als früher ganze Geschlechter. Im Angesicht der ganzen Menschheit, der globalen Weltzivilisation gibt es nichts mehr, worauf man bauen kann - außer auf den freien Geist, weil nur er die Qualitäten hat, der Komplexität der Weltgesellschaft Paroli zu bieten. Nur auf seiner Basis kann wieder die Ruhe einkehren, die unser heißlaufender Kulturmotor dringender denn je bedarf - wenn auch auf einem neuen, noch nie dagewesenen zivilisatorischen Niveau, dem Primat des Individuums.



Wolfgang Behr

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