II. Ohne Messianismus ist alles nichts!Die Philosophie - oder vielmehr die Erkenntnis von der hervorragenden Bedeutung der Rolle des Philosophen für diese Epoche ist die unverzichtbare Stütze Wolfgang Behrs gewesen, um den langen und auch einsamen Weg zu der grundlegenden politischen Revolution von STRING zu bestehen, zu dem er im Zuge der Aufarbeitung der messianischen *itler-Projektion seiner Großmutter verurteillt war.
Wenn es eines Beweises bedürfte, dass das Abendland zu allererst auf griechischen, römischen und hebräischen Fundamenten gebaut ist, die immense Bedeutung, die das Christentum für die europäische Geschichte (und auch für die kolonisierende Vereinheitlichung der Welt) gehabt hat, liesse jede Gegenthese lächerlich erscheinen. Der Individualismus (als Basis des von STRING anvisierten Paradigmenwechsels) hat demnach zwei Ausgangspunkte, einmal die Philosophie, insbesondere aber den Griechen Sokrates und zum anderen den ausserweltlichen, aber machtvollen Gott Abrahams, d.h. des Judentums, den man nicht sehen kann, vor dem man als Volk oder als Person alleine steht und der in der Ich-Form, sozusagen als Spiegel und Maßstab der eigenen (auf der Sprache beruhenden) Individualität, zu einem spricht. Beide, Sokrates und das Judentum, das als kulturelles Kollektiv für diesen geistig-ethischen "Individualismus" steht, wurden als atopisch, als ortlos gebrandmarkt (und von den "Ortsgebundenen" entspechend barbarisch behandelt) - eine Eigenschaft, die auf eine Priorität des Geistigen vor dem Körperlichen innerhalb des menschlichen Daseins hinweist. Spätetens heute, wo die Auswirkungen von Wissenschaft und Technologie zeigen, dass die Priorität des Geistigen das Schicksal des Menschen ist, beginnen wir alle, atopisch oder global zu werden.
Man kann *itler mit Fug und Recht als Anti-Messias bezeichnen, denn er wollte das "Ende der Zeiten" weltweit unter seiner Führung auf der Basis definitiv antijüdischer und antirationaler Werte erkämpfen, bzw. mittels Verdrängung und Ermordung der Hauptvertreter dieser Werte. (Bei seinem "Endsieg" hätte auch der Papst "dran glauben müssen".) *itlers Gefährlichkeit resultierte aus der Fähigkeit, eine Verbindung der Modernität des Verfahrens (in der Publizistik und Massenbeeinflussung, in der Durchführung des Massenmordes), des Anspruchs auf (rassischer) Auserwähltheit und eschatologischer Erfüllung, einer manichäischen Weltanschauung sowie eines archaisch-grausamen Politikverständnisses herzustellen. (Wohingegen der Bezug auf *itlers Verbrechertum oder auf seine Psychopathologie sicherlich zu kurz greift, denn mit solchen Eigenschaften befand er sich bei weitem nicht alleine.)
*itler als Anti-Messias, daraus wäre zu schließen, dass Wolfgang Behr als "Anti-*itler" der "Messias" ist. Aber abgesehen davon, dass es hier um einen politischen und nicht um einen traditionell religiösen Kontext geht, insofern das Judentum immer die konkrete politische Befreiung der Welt von Unterdrückung und Armut als unabdingbar mit dem topos "Messias" und der Rükehr nach Jerusalem verbunden hatte, kann eine solche Funktion nur noch in indirekter, modern gebrochener und d.h. nicht zuletzt in einer das Judentum als Kollektiv transzendierenden Form existieren (die nichtsdestotrotz ganz auf der jüdischen visionären Kraft beruht). Denn zum einen haben die Juden ihre staatliche Souveränität wiedererlangt, sicher das vordringlichste Ziel ihres kollektiven Hoffens auf einen Messias - wodurch also jetzt die die gesamte Menschheit betreffende jüdische Vision einer gewalt- und armutsfreien Welt, einer in Freiheit geeinten in den Vordergrund treten kann.
Zum anderen kann der politische Individualismus - wie gesagt - nur auf drei, also der hebräischen, der hellenisch und der römischen Tradition beruhen. In einem besonderen Sinne steht dabei der Philosoph Sokrates im Zentrum des Individualismus, insofern er nicht den Individualismus predigte, sondern in einer nicht relativierbaren und alles umfassenden Weise ein Individuum war. Sokrates unterwirft seinen schrankenlos freien, sophistischen Geist nur der Stimme seines persönlichen "Daimonions", der ihn nur für sich persönlich über das "Wissen des Nicht-Wissens" hinausführt. Er tut dies nicht ohne den Anspruch allgemeiner Verantwortung. Denn - so seine basale Erkenntnis - ab einer bestimmten Komplexität kann eine Gesellschaft nur mehr durch die Selbstführung ihrer Mitglieder funktionieren. Die Fähigkeit dazu ist das Ziel seiner Maieutik, seiner philosophischen Lehre, die er seinen Schülern zu vermitteln suchte. Dieser epochale Paradigmenwechsel von der morlaischen Aussensteuerung zur ehtischen Innensteuerung wird aber von den Vertretern des athenischen Kollektivs (dem Areopag) mit relativ knapper Mehrheit nicht akzeptiert (oder verstanden). Diese Mehrheit hät ihn für einen Verderber der Jugend, weil er scheinbar die allgemeinen Werte in Frage stellt, und verurteilt ihn zum Tode. Obwohl er sich im Recht sieht, nimmt er das Todesurteil hin und flieht nicht. Damit affirmiert er trotz seiner geistigen Freiheit als Philosoph und seiner politischen Unabhängigkeit auch die Notwendigkeit gesellschaftlicher Ordnung. Er unterwirft sich ihr aber nicht. Immerhin bleibt er in Athen und trink freiwillig den Schierlingsbecher. Sokrates war zweifellos Freigeist und Individualist im besten, weil verantwortungsvollsten Sinne. Gerade, dass von ihm keine Worte überliefert sind, aber um so mehr geistige Kunde von ihm von unübertrefflichen Geistern wie Platon, Xenophon, Aristoteles oder Aristophanes läßt seine Person in ihrer individuellen Einzigartigkeit um so plastischer und epochaler wirksam werden.
Da nun die neuzeitliche Welt nach Renaissance und Aufkärung wesentlich auf diesem Individualismus beruht, ist auch der jüdische Messianismus nur mehr in einem individualistischen Rahmen zu realisieren. Es stellt sich darüberhinaus die Frage, ob der jüdische Messianismus nicht per se individualistisch ist und damit schon die eigentliche Transzendierung des Judentums im Judentum?! (Man denke an die jahrhundertelange Unterdrückung des Messianismus im rabbinischen Judentum.)
Und der unübertreffliche römische Pragmatismus der Machtbändigung und nüchtern-effektiven Machtausübung gibt allenfalls die sozialen Mittel an die Hand, dem modernen Individuum politisch den nötigen Freiraum zu eröffnen. Er kann aber den Individualismus nicht vom Individuum selbst her definieren und ausfüllen.
Die politisch-messianische Aufgabe von Wolfgang Behr ist vor allem als die Überwindung eines Anachronismus und eines Widerspruchs in der modernen Welt zu verstehen, die, obwohl sie auf einem allgemeinen Menschbild beruht, die gesellschaftliche Macht zu einem großen Teil immer noch in den Händen traditioneller, sich aus der sozialen Ungleichheit begründender Eliten belassen muss. (Dieser Widerspruch betrifft eben nicht die Machtbefugnis der Vertreter moderner Institutionen, die mittels ihrer - der Macht - eine genau definierte, begrenzte und kontrollierte Aufgabe oder Funktion für ihre Mitbürger zu erfüllen haben, sondern die zu groß und international unkontrollierte Abhängigkeit von ihnen).
Messianisch sind in diesem Sinne alle Menschen, wenn sie politisch freie Individuen geworden sind. Das dadurch erzeugte gesellschaftliche Niveau soll auch die Möglichkeit ausschliessen, dass enthemmte Spiessbürger oder vor Ehrgeiz brennende Militärs immer wieder kollektiv sanktionierte Gewaltorgien vollbringen. Um dies zu erreichen, müssen den einzelnen Menschen Bildungsmöglichkeiten und die für jede Person besten spirituellen wie materiellen Daseinsformen (letztere liegen zum Teil noch in der Zukunft) zugänglich werden. Denn dadurch wird eine substantielle politische Unabhängigkeit ermöglicht, durch die jeglicher elitäre Klüngel mehr und mehr seine Schädlichkeit verliert. Diese Veränderungen der modernen Zivilisation sind faktisch schon möglich, machtpolitisch müssen sie noch durchgesetzt werden.
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Wolfgang Behr muss für seine "Politik der Geistigen Freiheit" selbst sein eigener "Messias" werden und erst dadurch, quasi als "primus inter pares", ein indirekter oder ein "Non- oder Post-Messias" der Welt bzw. der neuen Weltverfassung.
Seine allgemeine Funktion ist also gerade das Überflüssigmachen des traditionellen Herrschers (der kollektiven Macht) und des Messiasmusters - nicht, dass er selbst so einer wäre! Messianisch ist unsere Epoche und alle Menschen, die sich deren Anforderungen ergeben, nicht jedoch eine einzelne Person alleine! Messianisch wird dasjenige persönliche Niveau sein, dem die Menschen gerecht werden müssen, wenn sie denn verhindern wollen, dass sie, bzw. die Kollektive, in denen sie leben, irgendwann das gegebene "übermenschliche" technologische Niveau in Form von heutigen und zukünftigen Waffensystemen aneinander exekutieren. Inhaltlich gesehen heisst messianisch nicht mehr und nicht weniger als die dominante Fähigkeit, mit den anderen Menschen friedlich und frei zusammenzuleben. Es hat nichts mit Religion und viel mit geistiger Eigenständigkeit, nüchternem Mut und ziviler Stärke zu tun.
Es gibt daher nicht nur keinen Grund, anzunehmen, Wolfgang Behr sollte der einzige sein, der dieses messianische Niveau einnehmen will. Ganz im Gegenteil, die Notwendigkeit der zeitgenössischen Situation erfordern geradezu, dass immer mehr Personen eine Haltung ganzheitlich-politischer Autonomie des Individuums für sich verwirklichen, um das globale menschliche Zusammenleben zu ermöglichen. Nur scheinen die Menschen bisher nicht bereit oder nicht in der Lage, die Kategorie des Messianischen im Sinne der gelingenden Einbettung des Geistes in das menschliche Leben für sich zuzulassen und in einem allgemeinen oder globalen Sinne gesellschaftlich-praktisch wirksam werden zu lassen. Insofern braucht es offenbar eine Person, der damit beginnt.
(Zur Ergänzung: Nietzsche schrieb: "Die einzige Möglichkeit, einen Sinn für den Begriff 'Gott' aufrechtzuerhalten, wäre: Gott nicht als treibende Kraft, sondern Gott als Maximal-Zustand, als eine Epoche - ...")
Wolfgang Behr ist aus den genannten Gründen nicht direkt für die anderen Menschen zuständig! Er ist ein einzelner Mensch - zwar paradigmatisch und dadurch eine neue Tradition eröffnend, aber nicht mehr. (Man denke an "Das Leben des Brian" von Monty Python, als Brian den Leuten sagt: "Geht nach Hause, ihr braucht keinen Messias mehr". Die Star- und Führerkulte unseres Zeitalters weist darauf hin, dass dies immer noch eine relevante Information ist.)
In dem Sanhedrin genannten Abschnitt des babylonischen Talmud heisst es: "Raw Nachman sagte: Gehörte er (der Messias, W.B.) zu den Lebenden, so bin ich es, ... ". Der jüdische Philosoph Emmanuel Levinas schreibt dazu in seiner etwas moralisierenden Art: "Der Messianismus ist nichts anderes als jener Höhepunkt des Seins, den die Zentralisierung, die Konzentration oder das Wenden auf sich des ich bildet. Und das bedeutet konkret, dass jeder so handeln muss, als wäre er der Messias. Der Messianismus ist also nicht die Gewissheit der Ankunft eines Menschen, der die Geschichte anhält. Er ist meine Fähigkeit, das Leid aller zu tragen. Er ist der Augenblick, indem ich diese Fähigkeit und meine universale Verantwortung erkenne." (E. Levinas, Schwierige Freiheit, Versuch über das Judentum, Jüdischer Verlag, Frankfurt am Main 1992, S. 93 und 95) Zweifellos ist dies die größte Nähe, die tiefste Berührung, die auf der Ebene des Konzeptes zwischen Sokrates (dem Griechentum) und dem Judentum denkbar ist. Im Messianismus kommt das Judentum zum Individuum, zum Individualismus und damit zur Moderne. Denn das grosse Ziel des Judentums ist ein einzelner Mensch und unausweichlich damit der einzelne Mensch.
Es geht heute um die politisch und zugleich persönlich konkrete Realisierung dieses Zusammentreffens. Es geht um STRING, d.h. nicht zuletzt, um den Messianismus als notwendiges und hinreichendes Axiom und politisches Verfahren zur weiteren Ausentwicklung der Moderne, ja der Geschichte als eines begreifbaren Zusammenhangs überhaupt!
Man kann oder muss auch, um das hier Verhandelte zum Ausdruck und zur Realität zu bringen, ein entscheidendes Stück über die Position des jüdischen Philosophen Emil Fackenheim hinausgehen. Für ihn wird das menschliche Widerstehen einzelner Personen in den Vernichtungslagern der Shoa zur einzigen verbliebenen Basis einer neuen sowohl philosophischen, wie existentiell-menschlichen Weltorientierung, die nicht in der das Leben rational distanzierenden Hegelschen Geistphilosophie stecken bleibt. Ist das aber nicht viel zu kurz und zu traditionell philosophisch-individualistisch gedacht? Ist nicht, wenn man die Bedeutung des Judentums für die Existenz und Geschichte der Menschheit als unhintergehbar nimmt, weil sie die ersten waren, die die Vision einer gemeinsamen Geschichte und eines friedlichen Zusammenlebens der gesamten Menschheit hatten und die diese Vision an dies Menschheit weitergegeben haben (siehe "Die Renaissance der antiken jüdischen Innovation" ) - ist dann nicht der einzige mögliche Schluss aus Auschwitz, aus der Shoa, insofern sie auf die Vernichtung von Menschen jüdischer Herkunft und des Judentums insgesamt zielte, dass das Messianischen hier und jetzt bereits eine faktische Realität ist? Es kann sich nicht mehr um das Warten auf den Messias drehen. Aus dem puren faktischen Vorhandenseins der Shoa genannten Geschehnisse ergibt sich schon unabweisbar die tatsächliche Präsenz des Messianischen in der Gegenwart.
Wenn man diese These für vermessen oder für gotteslästernd oder für abwegig hält, folgt man dann nicht einem verfehlten Begriff des Messianischen, der diese Kategorie nur religiös zu deuten vermag? Judentum in der Geschichte war eine politische Existenz und genau diese wollte *itler vernichten. Alle Menschen, die heute ihr Leben im wesentlichen friedlich und in gegenseitig fruchtbarer Zusammenarbeit mit welchen anderen Menschen auch immer gestalten, sind schon im Zauberkreis des Messianischen und geben der Geistexistenz, der Gottesebenbildlichkeit des Menschen eine praktische Realität. Mehr ist nicht in diesem Titel! Wenn die Kategorie "Messias" in der Geschichte trotzdem zu allen möglichen Phantastereien übersteigert wurde, dann weil dieses heute schon fast normale zivile Koexistieren der Völker und Menschen auf der Erde all die geschichtliche Zeit hindurch ein nahezu unvorstellbares Ziel war - ein Ziel, dessen Vision die Juden in ihrer Geschichte aber nie bereit waren preiszugeben, im Gehorsam gegenüber ihrem anspruchsvollen Gott. Deshalb ist allein die faktische Tatsache, dass sie, die Juden, als ganzes vernichtet werden sollten und fast vernichtet worden wären, schon genug, um das messianische Zeitalter konkret erstehen zu lassen. Denn alle Menschen haben mit den Möglichkeiten dieses Zeitalters auch die Aufgabe des Judentums aufgegeben bekommen, die ja nicht deshalb scheitern darf, nur weil eine Horde verrückter, unvorstellbar menschenverachtender Verbrecher die Urheber der Vision einer friedlich geeinten Menschheit töten könnte.
Die Menschen, alle Menschen müssen die Vorgaben des messianischen Zeitalters nur noch mit Inhalt ausfüllen. Das ist schwer genug, aber ein Alternative haben sie nicht. Alles andere würde die Fortsetzung des Wettrüstens und irgendwann grosse globale Kriege auf dem jeweils höchsten Stand der Technik bedeuten. Vielleicht waren grosse Kriege ja auch mal 'Väter der Dinge' (Ilias, Mahabharata, Nibelungenlied etc.), jetzt sind sie wohl nur noch selbstmörderische Dummheiten und Verbrechen. |